Flugfeld-Träume (I)
Es ist Samstag. Obwohl schon Mittag, versinkt Frankfurt im Nebel. Es ist nicht kalt, aber die Nebelschwaden hängen so tief hinein in die Häuserschluchten, dass es mich trotzdem fröstelt.
Eine bewegte Woche findet ihr Ende: Am Montag noch Termine in Berlin am laufenden Band. Wieder hatte ich die schriftlichen Hausaufgaben für den Englisch-Unterricht nicht erledigt. Mein Lehrer ignoriert ihr Fehlen stillschweigend, aber ausdrucksstark. Fast hätte ich den Zug nach B. verpasst.
B. im Norden. Natürlich hatten sie im Hotel meinen Wunsch nach spätem Check-out wieder nicht beachtet. Macht nichts - ich kann ja auch noch einmal deutlich sagen, was ich brauche. Manche Dinge davon kann man bestellen - mit den anderen wird es schwieriger ….  Das zeigt sich - und mit fatalen Folgen - schon am nächsten Tag.
M. und ich haben nur diese vier Stunden. Nähe, Liebe und Zärtlichkeiten, “eingetaktet” in einen Büroalltag zwischen dienstlichen und privaten Verpflichtungen. Trotzdem ist es wunderschön warm und ganz still. In manchen Momenten macht es mich unsicher, wie sehr M. mich braucht.
Ich selbst verbrauche viel Energie damit nicht loszulassen. Dann, wenn ich ihn brauche, ist er schließlich in seiner Welt gebunden. Er ist meist nicht erreichbar für meine Bedürfnisse. Es ist eine ständige Herausforderungen “Slots” für unsere Zärtlichkeiten zu finden und möglich zu machen. Die Start- und Landebahnen in seinem Leben sind mit langfristigen Flugplanungen der üblichen Fluggesellschaften schon längst am Limit. Und jetzt „das“ – Wir.
Ich spüre sehr deutlich, wie schön diese neue Situation für ihn ist. Wie sehr er dies geniesst. Was da mit uns passiert empfinden wir beide als Sonnenschein, Wärme und Sternenglitzern zugleich. Nordlicht, Ebbe und Flut. Beide spüren wir, wie sehr wir uns danach gesehnt haben. Wie kostbar so ein Gefühl ist. Es ist sehr schön, wie wir uns (leise und laut) geniessen. Es ist wunderschön zu spüren, dass es von Belang ist, wie ich mich fühle. Es ist schön, ihn nach seinem Tag zu fragen, an seinen Themen teilzuhaben, sich auszutauschen.Â
In den letzten Jahren habe ich mein Flugfeld von einigem Schrott aus Bruchlandungen frei geräumt. Auf meinen Landebahnen ist wieder richtig gut Platz für Business- wie Privatjets :o). Die Slots für die Business-Flieger sind gut gebucht. Sie tragen ihren Teil dazu bei, dass es rings herum prosperiert.
Wenn es still wird an den Abenden, den Wochenenden, und wenn der Himmel voll ist mit Ferienfliegern - dann spüre ich die Stille und eine Leere manchmal sehr deutlich. Ich mag keine Lichter anzünden auf dem Rollfeld, damit irgendwelche Maschinen landen mögen. Womöglich mit Mannschaft und Fracht, die mir außer Zerstreuung nichts bedeutet. Ich bin ohnehin nicht gut im Zerstreuen. Ich mag eher das Gefühl, zu einem Netz von gut sortierten Regionen zu gehören, die mit einander rechnen, sich bewusst für ein Miteinander entscheiden, sich gemeinsam entwickeln - auf einander setzen. Sich etwas zu bieten haben, sich gemeinsam mit dem versorgen, was satt macht. Satt macht mit Sinn, Kraft, Anregung, Attraktivität - mit innerer und äußerer Nähe, dem Gefühl von Geborgenheit, mit Berühren und Zärtlichkeit. Seit ich wieder fühle wie mich das satt macht, empfinde ich das Fehlen besonders scherzhaft. Schlimm, wenn ich dann Kekse in die Hände bekomme.Â
Manchmal kann es mir nicht genug Zuspruch und Zärtlichkeit sein. Gleichzeitig bin ich immer auf der Hut den Moment nicht zu verpassen; wenn es (er) seiner eigenen Wege geht. Wo ich doch noch gar nicht ankommen und satt werden konnte. Erst im Moment danach zu bemerken, dass es (er?) unsere / meine Lebenssphäre schon verlassen hat - davor habe ich wohl am meisten Angst. Also versuche ich, die Dinge in Griff zu behalten. Ich versuche permanent, das Heft des Handels in den Händen zu behalten, meine Welt zu beherrschen.
