St. Petersburg (IV) - Herzenssachen
An diesem Abend holt uns Serjoscha – diesmal mit seinem Susuki-Roadster - noch einmal vom Hotel ab. Wir sind zum Abendessen in seiner Wohnung eingeladen und werden von seiner Frau erwartet. Aber erst verbringen wir einmal fast 1,5 Std. im Stau auf dem nur drei Kilometer langen Alten Newskij-Prospekt. Trotzdem wird uns die Zeit nicht lang – Alex hört Walkman und Serjoscha und ich schwatzen angeregt.
Dann ruft Mischa an. Er ist an diesem Abend dienstlich in einer anderen Stadt. Nur an solchen Tagen können wir abends mit einander telefonieren. Wir flirten einwenig – da wird Alex unwirsch, was zu einem heftigen Wortabtausch zwischen uns führt. Ich muss mein Gespräch mit Mischa beenden.
Der Abend wird sehr nett. Irina – Serjoschas Frau – ist immer noch so scharfzüngig, wie ich sie bei unserem ersten und einzigen Treffen vor einigen Jahren (1996?) erlebt habe. Wir lästern recht respektlos über meinen Vater. Das verbindet zusätzlich und trägt zur herzlichen Atmosphäre bei :o). Dann fährt Serjoscha uns zu seinen Eltern. Dazu müssen wir quer durch die ganze Stadt fahren. Die alten, zum Teil heruntergekommenen Stadtbezirke hatten wir an den Tagen vorher schon gesehen. Jetzt erkennt man auch, wie viel Luxuswohnungen gebaut werden. Auf einer der Inseln in der Stadt ersteht gerade eine Art Fisher Island (Maimi). Natürlich sind das solche Inseln, auf denen die Stadtpalais aus früheren Zeiten in wunderschönen alten Parkanlagen stehen, die jetzt aufwändig renoviert werden.  Robert Sergejevitsch wartet vor der Tür auf uns. Die alten Veteranen werden heute noch in die Arbeit ihrer Einrichtungen einbezogen – so erhält er am Ende des Ausbildungsjahres immer noch Einladungen in Kommissionen, vor denen Wissenschaftliche Arbeiten verteidigt werden. Er ist sichtlich stolz darauf, noch gefragt zu sein.
Dann stehen wir vor Paulina Petrovna. Entgegen den Ankündigungen meines Vaters sieht man ihr nach meinem Empfinden die siebzig Jahre, die sie im vergangenen Jahr gefeiert hat, nicht an. Ihre Haare sind nicht mehr von dem vollen braunen Glanz, wie ich sie in Erinnerung hatte. Sie hat sie inzwischen konsequent blond gefärbt. Aber genau das steht ihr gut, macht ihr Erscheinungsbild heller und damit jünger. Diese Stimme & Tonlage würde ich unter Hunderten wieder erkennen!! Â
Wir umarmen uns von ganzem Herzen. Sie weist mich darauf hin, dass unsere Familien nun schon in der dritten Generation mit einander verbunden sind – mein Vater, der seine Kinder herbrachte. Und nun ich mit einer Tochter im Alter wie Sergejs Tochter. Sie erkundigen sich nach Vati, erzählen, wie sehr sie seine Klugheit und Weitsicht geschätzt haben und schätzen. Sie erinnern mich an kleine Details meines ersten Besuches bei ihnen, die mir natürlich so nicht mehr präsent sind. Ich soll lauthals gesungen haben von ihrem Balkon, damals noch am Moskauer Prospekt. Ich verbinde mit diesem Besuch eher den Geruch frischer Gurken zum Frühstück, von frischem Weißbrot, Landbutter und rotem Kaviar :o). Paulina hatte mir damals ein kleines wollenes Halstuch geschenkt – es fällt mir auch heute noch immer in die Augen, wenn ich die Schublade mit den Wintertüchern öffne.  Als sie mir erzählen, wie sehr Vati immer stolz auf mich war, wie sehr er mich liebt, löst sich bei mir alles in Tränen auf.
Nein! Wenn man jemanden wirklich liebt, muss man das verbindlich tun – gradlinig, ehrlich und verlässlich, ohne „über Bande zu spielen“! Alex, das schwöre ich Dir!    Â
Wir müssen uns beeilen – um halb wie Uhr nachts werden die Brücken der Stadt geöffnet. Dann geht nichts mehr. Serjoscha setzt uns im Hotel ab. Alex will erst Fußball sehen, dann mit mir reden. Sie beschwert sich, dass diese Tage doch als UNSER gemeinsamer Urlaub geplant waren. Jetzt aber bin ich mit meinen Gedanken bei Mischa. Sie wird laut, wird verletzend. Ich mag das jetzt nicht ausdiskutieren. Er ruft an, scheint verunsichert durch die harsche Reaktion von Alex. Er sagt er hätte Angst, dass dies uns entzweien könnte. Er braucht mich, sagt er. Ich beruhige ihn, so gut ich das kann. Er scheint sehr aufgewühlt. Vielleicht haben die Herren nach den dienstlichen Terminen am Abend im Biergarten einfach etwas getrunken. Auch unsere besondere Situation, die ja so gar nicht in sein auch sonst voll bepacktes Leben passt, wird ihn Kraft kosten inzwischen.  Was soll ICH denn sagen? Zu Alex` Ansprüchen an mich oder auf mich kann ich mich positionieren. Wir haben es inzwischen gelernt unsere Interessen und Ansprüche an einander zu formulieren und notfalls auszukämpfen. Das gelingt nicht immer gleich – diesmal schaffen wir es erst im Cafe auf dem Flughafen, und zu entschuldigen und zu vertragen. Aber was ist mit meinen Ängsten? Was wird eigentlich, wenn die Frauen in Deiner Umgebung, Mischa, einmal von meiner Existenz und unseren Gefühlen erfahren sollten??? Was hat es dann noch für Bedeutung und Gewicht, dass ich Dich vielleicht auch brauche. Unsere langen Gespräche sind sehr warmherzig. Wir sind süchtig danach. Das wird eine Rechnung! O je :o) Ich fühle ich so glücklich bei den Gedanken an Mischa, in den Gesprächen mit ihm. Er tut mir gut. Auch an diesem Abend schicke ich ihm noch eine Tages-Mail. Gegen vier Uhr schlafe ich endlich ein. Â
Um halb sechs klingeln alle Wecker. Die Sachen haben wir am Vorabend schon gepackt. Natürlich klappt es nicht, dass wir – obwohl im Voucher extra ausgewiesen – vor unserer Abreise zum Flughafen noch ein Frühstück bekommen. Aber das Tranfer-Auto ist pünktlich. Wir verlassen die Stadt diesmal auf den Wegen, die ich von meinem ersten Besuch her kenne – den Moskauer Prospekt entlang, vorbei am Mahnmahl für die Verteidiger Leningrads während der Blockade, die Pulkover Höhen mit ihrem berühmten Observatorium. Damit ich rechtzeitig zu den Vorlesungen im Göttinger Klinikum anreisen kann, hatte das Reisebüro einen früheren Flug für uns gebucht … sinnvoller weise mit Zwischenhalt in Riga?!
Am Schalter frage ich nach Tickets für den gerade aufgerufenen Direktflug nach Berlin. Auahhhh, meine Kreditkarte quietscht. Dafür sind Alex und ich glücklich nachhause zu kommen. Es macht Spaß Geld zu verdienen, das einem manchmal solche Freiräume bietet. Wir fliegen mit einer TU 154 einer russischen Airline. Ich muss Alex beruhigen, dass die hier durchaus nicht hinterm Mond leben, was Flugsicherheit und -erfahrungen angeht. Na ja, zugegeben, was die Freundlichkeit des Personals angeht, ja vielleicht doch …Â
Aber dann schweben wir schon über den Wolken. 1.500 Km oder 1 Std. 40 Minuten sind es Richtung Heimat. Wir sind uns einig – das war ein toller Kurzurlaub :o) Das Flugzeug landet, das Bremsen fällt sportlich aus. Jetzt endlich entkrampft sich Alex neben mir – obwohl dieser Flug ganz ruhig verlief, hat sie bei jedem kleinsten Geräusch nach meiner Hand gegriffen und ist erstarrt. Was soll das nur werden auf ihrem Flug nach Amerika? Wir vereinbaren, dass sie vorher vielleicht doch einmal nach einem Anti-Flugangst-Seminar recherchiert. Wir sind zurück im Alltag.Â
