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Archiv der Kategorie 'Reisen'

St. Petersburg (IV) - Herzenssachen

29. Juni 2008

An diesem Abend holt uns Serjoscha – diesmal mit seinem Susuki-Roadster - noch einmal vom Hotel ab. Wir sind zum Abendessen in seiner Wohnung eingeladen und werden von seiner Frau erwartet. Aber erst verbringen wir einmal fast 1,5 Std. im Stau auf dem nur drei Kilometer langen Alten Newskij-Prospekt. Trotzdem wird uns die Zeit nicht lang – Alex hört Walkman und Serjoscha und ich schwatzen angeregt.

Dann ruft Mischa an. Er ist an diesem Abend dienstlich in einer anderen Stadt. Nur an solchen Tagen können wir abends mit einander telefonieren. Wir flirten einwenig – da wird Alex unwirsch, was zu einem heftigen Wortabtausch zwischen uns führt. Ich muss mein Gespräch mit Mischa beenden.

Der Abend wird sehr nett. Irina – Serjoschas Frau – ist immer noch so scharfzüngig, wie ich sie bei unserem ersten und einzigen Treffen vor einigen Jahren (1996?) erlebt habe. Wir lästern recht respektlos über meinen Vater. Das verbindet zusätzlich und trägt zur herzlichen Atmosphäre bei :o). Dann fährt Serjoscha uns zu seinen Eltern. Dazu müssen wir quer durch die ganze Stadt fahren. Die alten, zum Teil heruntergekommenen Stadtbezirke hatten wir an den Tagen vorher schon gesehen. Jetzt erkennt man auch, wie viel Luxuswohnungen gebaut werden. Auf einer der Inseln in der Stadt ersteht gerade eine Art Fisher Island (Maimi). Natürlich sind das solche Inseln,  auf denen die Stadtpalais aus früheren Zeiten in wunderschönen alten Parkanlagen stehen, die jetzt aufwändig renoviert werden.  Robert Sergejevitsch wartet vor der Tür auf uns. Die alten Veteranen werden heute noch in die Arbeit ihrer Einrichtungen einbezogen – so erhält er am Ende des Ausbildungsjahres immer noch Einladungen in Kommissionen, vor denen Wissenschaftliche Arbeiten verteidigt werden. Er ist sichtlich stolz darauf, noch gefragt zu sein.

Dann stehen wir vor Paulina Petrovna. Entgegen den Ankündigungen meines Vaters sieht man ihr nach meinem Empfinden die siebzig Jahre, die sie im vergangenen Jahr gefeiert hat, nicht an. Ihre Haare sind nicht mehr von dem vollen braunen Glanz, wie ich sie in Erinnerung hatte. Sie hat sie inzwischen konsequent blond gefärbt. Aber genau das steht ihr gut, macht ihr Erscheinungsbild heller und damit jünger. Diese Stimme & Tonlage würde ich unter Hunderten wieder erkennen!!  

Wir umarmen uns von ganzem Herzen. Sie weist mich darauf hin, dass unsere Familien nun schon in der dritten Generation mit einander verbunden sind – mein Vater, der seine Kinder herbrachte. Und nun ich mit einer Tochter im Alter wie Sergejs Tochter. Sie erkundigen sich nach Vati, erzählen, wie sehr sie seine Klugheit und Weitsicht geschätzt haben und schätzen. Sie erinnern mich an kleine Details meines ersten Besuches bei ihnen, die mir natürlich so nicht mehr präsent sind. Ich soll lauthals gesungen haben von ihrem Balkon, damals noch am Moskauer Prospekt. Ich verbinde mit diesem Besuch eher den Geruch frischer Gurken zum Frühstück, von frischem Weißbrot, Landbutter und rotem Kaviar :o). Paulina hatte mir damals ein kleines wollenes Halstuch geschenkt – es fällt mir auch heute noch immer in die Augen, wenn ich die Schublade mit den Wintertüchern öffne.  Als sie mir erzählen, wie sehr Vati immer stolz auf mich war, wie sehr er mich liebt, löst sich bei mir alles in Tränen auf.

Nein! Wenn man jemanden wirklich liebt, muss man das verbindlich tun – gradlinig, ehrlich und verlässlich, ohne „über Bande zu spielen“! Alex, das schwöre ich Dir!      

Wir müssen uns beeilen – um halb wie Uhr nachts werden die Brücken der Stadt geöffnet. Dann geht nichts mehr. Serjoscha setzt uns im Hotel ab. Alex will erst Fußball sehen, dann mit mir reden. Sie beschwert sich, dass diese Tage doch als UNSER gemeinsamer Urlaub geplant waren. Jetzt aber bin ich mit meinen Gedanken bei Mischa. Sie wird laut, wird verletzend. Ich mag das jetzt nicht ausdiskutieren. Er ruft an, scheint verunsichert durch die harsche Reaktion von Alex. Er sagt er hätte Angst, dass dies uns entzweien könnte. Er braucht mich, sagt er. Ich beruhige ihn, so gut ich das kann. Er scheint sehr aufgewühlt. Vielleicht haben die Herren nach den dienstlichen Terminen am Abend im Biergarten einfach etwas getrunken. Auch unsere besondere Situation, die ja so gar nicht in sein auch sonst voll bepacktes Leben passt, wird ihn Kraft kosten inzwischen.  Was soll ICH denn sagen? Zu Alex` Ansprüchen an mich oder auf mich kann ich mich positionieren. Wir haben es inzwischen gelernt unsere Interessen und Ansprüche an einander zu formulieren und notfalls auszukämpfen. Das gelingt nicht immer gleich – diesmal schaffen wir es erst im Cafe auf dem Flughafen, und zu entschuldigen und zu vertragen. Aber was ist mit meinen Ängsten? Was wird eigentlich, wenn die Frauen in Deiner Umgebung, Mischa, einmal von meiner Existenz und unseren Gefühlen erfahren sollten??? Was hat es dann noch für Bedeutung und Gewicht, dass ich Dich vielleicht auch brauche. Unsere langen Gespräche sind sehr warmherzig. Wir sind süchtig danach. Das wird eine Rechnung! O je :o) Ich fühle ich so glücklich bei den Gedanken an Mischa, in den Gesprächen mit ihm. Er tut mir gut. Auch an diesem Abend schicke ich ihm noch eine Tages-Mail. Gegen vier Uhr schlafe ich endlich ein.  

Um halb sechs klingeln alle Wecker. Die Sachen haben wir am Vorabend schon gepackt. Natürlich klappt es nicht, dass wir – obwohl im Voucher extra ausgewiesen – vor unserer Abreise zum Flughafen noch ein Frühstück bekommen. Aber das Tranfer-Auto ist pünktlich. Wir verlassen die Stadt diesmal auf den Wegen, die ich von meinem ersten Besuch her kenne – den Moskauer Prospekt entlang, vorbei am Mahnmahl für die Verteidiger Leningrads während der Blockade, die Pulkover Höhen mit ihrem berühmten Observatorium. Damit ich rechtzeitig zu den Vorlesungen im Göttinger Klinikum anreisen kann, hatte das Reisebüro einen früheren Flug für uns gebucht … sinnvoller weise mit Zwischenhalt in Riga?!

Am Schalter frage ich nach Tickets für den gerade aufgerufenen Direktflug nach Berlin. Auahhhh, meine Kreditkarte quietscht. Dafür sind Alex und ich glücklich nachhause zu kommen. Es macht Spaß Geld zu verdienen, das einem manchmal solche Freiräume bietet. Wir fliegen mit einer TU 154 einer russischen Airline. Ich muss Alex beruhigen, dass die hier durchaus nicht hinterm Mond leben, was Flugsicherheit und -erfahrungen angeht. Na ja, zugegeben, was die Freundlichkeit des Personals angeht, ja vielleicht doch … 

Aber dann schweben wir schon über den Wolken. 1.500 Km oder 1 Std. 40 Minuten sind es Richtung Heimat. Wir sind uns einig – das war ein toller Kurzurlaub :o) Das Flugzeug landet, das Bremsen fällt sportlich aus. Jetzt endlich entkrampft sich Alex neben mir – obwohl dieser Flug ganz ruhig verlief, hat sie bei jedem kleinsten Geräusch nach meiner Hand gegriffen und ist erstarrt. Was soll das nur werden auf ihrem Flug nach Amerika? Wir vereinbaren, dass sie vorher vielleicht doch einmal nach einem Anti-Flugangst-Seminar recherchiert. Wir sind zurück im Alltag. 



St. Petersburg (III) - Irina

29. Juni 2008

Am nächsten Morgen steht die Eremitage auf dem Programm. Hier beeindruckt mehr die riesige Anzahl der Räume, deren luxuriöse Ausstattung, die überbordende Fülle der Exponate. Im Feldherrensaal, eingerichtet in Gedenken an den Napoleonfeldzug, fallen mir einige wenige leere Rahmen auf, deren Leere mit grünem Satin ausgefüllt sind. Mir fällt ein Lied ein, das wir oft zur Gitarre gesungen haben.

Es handelt von der Erinnerung, die durch die Gänge der Lebensgefährten irrt, die Verhüllungen mancher Bilder zu lüften versucht um sich erinnern zu können. Hat vielleicht der Wächter nicht acht gegeben – oder warum sind die Namen mancher Bilder inzwischen verblichen oder verwaschen … manches Dargestellte nicht mehr reproduzierbar? Einer dieser Rahmen in dieser Galerie aber ist (noch) leer. Der Wunsch ist groß, dass DEIN Bild nicht einmal dort hinein gehören, dem Vergessen preisgegeben sein möge …   Ich bleibe vor den Skulpturen von Rodin stehen. Aus ihnen spricht so viel Zuwendung, Vertrauen, Hingabe und Beschützen … am Abend schicke ich die Fotos dieser Skulpturen an Mischa. Ich habe Sehnsucht. Aber die habe ich in all diesen Tagen ohnehin in jedem Augenblick :o) Wie viel Zärtlichkeit aus seinen E-Mail spricht – Sehnsucht und Begehren. Und Phantasie :o)). 

Am frühen Nachmittag sind wir mit Irina verabredet. Wir haben uns 1980 fast beiläufig kennen gelernt, als ich die Studenten des Folgejahrgangs in Berlin abholte und während des Sommerkurses in Woronesh begleitete. Irina, damals Studentin des Kiewer Politechnischen Instituts, war mit der Stadtführung auf der Zwischenstation Kiew beauftragt worden. Später habe ich sie in Kiew besucht, bei ihrer Familie gewohnt. Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie die Balkontür aufstand, die Kastanien im Hof blühten, die Katze zu meinen Füßen lag, die Oma mich versorgte … München riecht und blüht im Frühjahr ähnlich.  Es war dieser besondere Sommer in Woronesh. Seine Beschreibung habe ich viele Jahre später wieder gefunden bei Michael Schindhelm in „Roberts Reise“: Die staubige Schwüle, die Irrwitzigkeit des Alltags unseres Systems, noch dazu in sowjetische Ausprägung. Die verwesenden Fische am Flussufer – die Leute stiegen über sie hinweg zum Baden. Dieser Besuch in Russland lässt so viele Erinnerungen aufleben in mir. Michael Schindhelm, eigentlich Chemiker und nach dem Studium Kollege von Angela Merkel, wurde später Theaterregisseur, war für eine kurze Zeit Chef der Berliner Opernstiftung (?) und arbeitet jetzt in Dubai an großen Kulturprojekten. Das Bild von ihm in der FAZSo  Zeitung hat mich berührt wie sein Buch – wieder war da so viel Einsamkeit und Suche … 

Nachdem ich Irinas Bruder Igor über einen anderen Ansprechpartner bei www.myspace.de im Internat gefunden hatte, war es nur ein Schritt mit Irischa wieder in Kontakt zu treten und zu verabreden. Wir haben uns gleich erkannt. Alex hat sich im Cafe die Zeit mit dem Lösen von Sudokus vertrieben – Irischa und ich fanden vom ersten Moment an diese Vertrautheit und Leichtigkeit unserer Studentenjahre wieder. Dienstliches, Privates: Wie ähnlich sich die Herausforderungen, Sorgen und Freuden sind! Wie ähnlich auch die Strukturen der Menschen, die uns nahe sind – Eltern, Brüder, Ehemänner … wie ähnlich die Sehnsüchte und Erwatungen an das Leben :o) Schade, dass diesmal so wenig Zeit blieb. Gemeinsam unternahmen wir noch eine Bootstour durch einige Wasserarme. Auf der Neva draußen erwischte uns ein heftiger Regenschauer.  Am nächsten Morgen schlägt die katastrophale Verkehrslage in der Stadt zu: Obwohl wir mit dem Bus eigentlich gegen den Strom fahren in Richtung des Vorortes Puschkin, stehen wir lange im Stau. Puschkin entpuppt sich dann als vornehm herausgeputzter Nobelvorort. Was heißt hier eigentlich ehemalige Zarenresidenz – die modernen Fürsten leben auch sehr luxuriös. Wir besichtigen das Jekaterinen-Palais. Hier befindet sich inzwischen wieder das berühmte Bernsteinzimmer. Das muss man sicher gesehen haben. Aber eigentlich bezaubert uns eher die Leichtigkeit des Schlosses und die Schönheit seiner unzähligen Räume. Sie werden in der Ausstattung verschiedener Epochen präsentiert. Alex empfindet das weißgetünchte Barock eher als überladen. Ihr gefallen eher die Räume im Empire-Stil. Ich lasse mich einfach in die Flut der Eindrücke fallen …

… und in die Vielzahl der zärtlichen Mails von Mischa, die im Blackberry auflaufen und sich durch ein Summen in der Tasche wohltuend bemerkbar machen. Alex wird langsam böse auf mich. Abends muss ich mich auf dem langen Flur herumdrücken, um mit Mischa telefonieren zu können.

Anschließend bummeln wir durch den wunderschönen Park von Peterhof, am finnischen Meerbusen gelegen. Zum Glück hat Papa mir damals viel zur Bedeutung der Figuren erzählt. Unsere Reiseleiterin Natascha erweist sich als sehr kundig und nett, aber hinter Papas Erzählungen schimmerten immer so viele Geschichten …



St. Petersburg (II) - Mittsommerspaziergang

29. Juni 2008

Am ersten Abend ziehen wir gegen sechs Uhr gleich noch los in Stadt – schließlich sind weiße Nächte. Noch gegen elf Uhr abends ist die Welt in dieses besondere warme Leuchten getaucht, was man gewöhnlich von mediterranen Abenden kennt.

Wir steigen am Newskij Prospekt auf der Höhe des Gastijnnij Dvor aus. Die einstmals so berühmten Shoppinghöfe stellen sich später als ziemlicher Flop heraus. Wir bummeln am Kanal entlang zur Erlöserkirche mit ihren bunten und reichlich verzierten Zwiebeltürmen. Am nächsten Tag wird mir unsere Reiseleiterin besonders sympathisch sein, als sie diesen altrussischen Stil zurückhaltend aber doch eindeutig als eher unpassend für St. Petersburg einordnet.

Der Park nebenan birgt eines der Gebäude des Russischen Museums. Die Sonne leuchtet zwischen den Bäumen des Parks hindurch und verbreitet Leichtigkeit. Am Ingenieurschloss vorbei wandern wir zum berühmten Sommerpark. Er wurde bereits zur Gründung der Stadt angelegt und war den Spaziergängen des Adels und der Hofgesellschaft vorbehalten. Wenn die Stadt im Sommer heiß und stickig wird, weht hier  - ganz nah an der Neva – immer ein kühler Wind. Die Skulpturen und Bänke laden sowohl Auge als auch Seele verweilen und genießen.

Das Denkmal für den berühmten Fabeldichter Krylow. Du wusstest so viele seiner Fabeln zu erzählen und mir die Figuren dazu am Sockel des Denkmals zu zeigen, Papa. Ich werde fragen, ob es dieses alte Foto von mir aus dem Jahr 1976 noch gibt.  Papa, ich weiß, dass Du mich liebst. Aber ich konnte und kann das immer nur vermuten. Du hast es mir (und den Brüdern?) immer nur „über Bande“ gezeigt. Du hast viel getan, um uns teilhaben zu lassen an dem, was Dir wichtig und wertvoll war. Andere Menschen haben mir oft erzählt, wie stolz Du bist auf mich, wie sehr Du mich liebst. Ich hätte es merken können daran, wie oft Du mir ganz besondere Geschichten erzählt hast, mir Lieder vorgespielt hast, die Dich bewegt haben, mich auf Dinge aufmerksam gemacht hast, die immer ein besonderes Lernen bei mir ausgelöst haben: Geschichte, Politik, Geografie, Kunst.

Oft auch hast Du mir ausgesuchten Schmuck geschenkt. Nach diesen Tagen in „Deiner Stadt“ habe ich das kleine Faberge-Ei herausgesucht – ich habe es bisher fast nie getragen. Mit Leningrad verbinde ich eher Mamas Ring in der Art einer Jurte des Tschingis-Chan. Sie erinnert mich auch an die pelzbesetzte Krone von Iwan Mudryj (der Weise) aus der Kiewer Rus. Ob Du ihn mir irgendwann einmal schenkst, Mama? Was ich zu verschenken habe, wird Alex nicht als „Erbe“ erhalten – das werde ich ihr VORHER schenken, zu einem besonderen Anlass! 

Alex … manchmal habe ich das Gefühl, ich umarme sie viel zu selten. Einfach so. Sie suchte auch in diesen Tagen sehr eng Kontakt zu mir, hat mich oft einfach umarmt, mich we immer bei solcher Gelegenheit „meine Mamili“ genannt. Manchmal behandelt sie mich allerdings auch wie eine senile Alte (so nenne ich das), bevormundet mich, klammert. Ich schicke ihr eine SMS „Ich habe Dich lieb, mein Kind :o) Mama“ – sie wird sicher schon wach sein. Es ist schön, wenn man Liebe zeigen kann, einfach so. Oopps, da kommt schon ihre Antwort „Ich Dich auch :o)“.

Ach, Papa, warum konntest und kannst DU mir das nicht sagen? Von kaum jemandem habe ich das viele Jahre soo sehr gebraucht wie von Dir. Später habe ich das bei N. gespürt. Und verloren. Ob meine Sehnsucht danach, Liebe direkt zu erleben, schon aus dieser – unserer – Konstellation stammt, Papa ??? Hier in dieser Stadt bin ich Dir wieder etwas näher. Wieder höre ich dieses Lied von Babra Streisand aus dem Film Yantl … „Papa, can you heare me?“  

Das schöne steinerne Haus von Peter dem Großen im Sommergarten ist, wie uns die Reiseleiterin am nächsten Tag erklären wird, in Wirklichkeit eine Schutzhülle: Sie birgt die eigentliche deutlich kleinere Behausung von Peter dem Ersten, von wo er die Gründung der Stadt in den Sümpfen, aber vor den Augen der Schweden vorantrieb. Die Schlosspromenade leuchtet im Abendlicht. Hier die Eremitage, am gegenüberliegenden Ufer die Peter-Pauls-Festung. In einem der Seitenarme liegt der Panzerkreuzer „Aurora“ – früher ein Muss für jeden Besucher. Ein Witz: Der Schuss aus den Rohren des Panzerkreuzer Aurora ist mit Abstand der gewaltigste Schuss in der russischen Geschichte: nur einer davon … und legt doch das ganze Land für siebzig Jahre in Schutt und Asche.

An der Gabelung der Neva: die Strelka mit dem alten Börsengebäude und den zwei ehemaligen Leuchttürmen. Wir schlendern hinüber über die Leutnant-Schmidt-Brücke. Die heißt jetzt wieder Schlossbrücke. Dann wieder zurück zum Schlossplatz. Die Gerüste von den Mittsommerfeierlichkeiten werden gerade noch abgebaut.

Zu diesem Zeitpunkt steht die Stadt auch ganz im Zeichen des Festivals „Das Purpurrotes Segel“. Eigentlich ist das eine berührende Liebesgeschichte – große Sehnsucht und großes Happy End :o). Was habe ich geweint, als ich den Film damals im Fernsehen sah :o)) Hier aber bedeutet es das Fest, mit dem ein ganzer Jahrgang von Abiturienten der Stadt, aber auch von auswärts, den Abschluss der Schulzeit begeht. Die Mädchen sind festlich herausgeputzt, tragen Abendroben und Schärpen. Die Jungs sehen in ihren Anzügen zumeist irgendwie hilflos aus. Sie tragen kleine Anstecker mit einem farbigen Band und einem kleinen Glöckchen – dem „letzten Klingeln“. Dieses Fest begeht man dann später auch am letzten Tag des Studiums. Für die Studenten ist es auch der Tag der Streiche und des Danke-sagen an beliebte Professoren und Lehrer. Ich kann mich noch gut an die heitere Stimmung dieses Tages erinnern :o). 

Wir schlendern hinüber zur Issak-Kathedrale. Sie ist jetzt wieder eine Kirche. Das F´sche Pendel, an dem die Drehung der Erdkugel unter dem in der Kuppelspitze aufgehängten Pendel demonstriert wurde, hat man abgebaut. Wir fragen nach Eintritt. Um diese späte Stunde kann man „nur noch“ hoch auf die Kollonaden. Das Ticket kostet mich 150 Rubel, meine „ausländischen Gäste“ müssen jeweils 3000 zahlen. Wow, ich gehe als Einheimische durch! Gerade vor Alex macht mich das sehr stolz :o)). Der Blick über die Stadt in der Abendsonne ist spektakulär! Die Stadt zählt heute 5 Mio Einwohner, erstreckt sich bis zum Horizont. Von hier oben sieht man die Newa, wie sie Weite in die Stadt bringt und die vielen Parks im warmen Licht. Es werden deutlich mehr Kirchenkuppeln geworden sein in den letzten Jahren. Wir haben großes Glück mit dem Wetter. Schon zwei Tage später wird es wie aus Kannen gießen. Neben der Isaak-Kathedrale – das Reiterdenkmal: Ganz unbescheiden gewidmet „von Katharina der Zweiten für Peter den Ersten“. Bravo! 

Wir nehmen den Bus den Newskij hinunter, wieder zum U-Bahn-Station Gastinnyj Dvor. Als wir nach Mitternacht wieder im Hotel sind, liegen einige Stunden Fußmarsch hinter uns :o). Am nächsten Morgen weckt uns die Sonne schon lange vor fünf Uhr mit intensivem Licht, zum Weiterschlafen müssen wir die dunklen Vorhänge zuziehen. Als wir am nächsten Tag die vorgesehene Stadtrundfahrt absolvieren, ist nicht viel Zeit für ausführliche Besichtigungen. Ohne den abendlichen Spaziergang hätten wir also eine Menge Eindrücke weniger sammeln können. Auch das Licht ist am Tage weniger dazu angetan die Stadt leuchten zu lassen. Zuerst besichtigen wir das Smolnyj (Teer)Kloster. Sein Blau und Weiß leuchten in der Sonne. Als Kloster angelegt, nie als solches genutzt, war es Internat und Ausbildungsstätte vornehmer (meist armer) junger adliger Mädchen. Der ganze Komplex wirkt spielerisch und leicht. Mir aber gefällt es besonders in der Peter-Pauls-Festung. Sie hat so etwas gut strukturiertes, lutherisch-karges, fast preußisches … ganz im Gegensatz zu den barocken Bauten der Eremitage, die wir noch besichtigen werden. 

Abends erwarten uns Serjoscha und Tochter Julia im Hotel. Wir suchen nach dem Gebäude, in dem mein Vater damals während seines Studiums gewohnt hat. Die Vasijewskij-Insel gehört zu den ganz alten Stadtteilen. Hier wurden Schiffe gebaut, wohnten die Arbeiter, das Militär. Das Gebäude ist umgebaut, frisch hergerichtet. Wir machen ein Foto – dokumentieren unser Hier sein und gehen dann Essen. Das Wetter schlägt um, es setzt starker Regen ein. Julia und Alex verständigen sich in Englisch, Serjoscha und ich in Russisch. Alles ist so vertraut :o) Wir verabreden uns noch einmal für den übernächsten Abend – dann will auch Paulina Petrowna da sein, die extra den langen Weg in die Stadt auf sich genommen hat um uns zu sehen.

Wieder im Hotel verfasse ich auch heute die obligatorische Tages-Mail an Mischa und hänge ein paar Bild-Impressionen vom Tage an.



St. Petersburg (I)

29. Juni 2008

Nun also St. Petersburg.  

Die Traumstadt meines Vaters. Wie viele Dias haben wir als Kinder betrachtet, wenn er in die Ferien kam während seines Studium in Leningrad. Wie viele Geschichten er zu erzählen wusste! Wir waren eingeweiht in seine Freundschaften mit Vitalij, Paulina Petrovna und Robert Sergejevitsch, Serjoscha, Anatolij Demjanitsch, kannten die Familiengeschichten und wussten von den gemeinsamen Ausflügen. Als Kinder hat uns das damals nicht sonderlich interessiert. Mich hat aber sehr wohl die emotionale Berührtheit meines Vaters von diesem Land, seiner Geschichte, den Leuten geprägt. Viele Lieder von den Schallplatten, die er auch nach dem Studium regelmäßig auflegte, kann ich heute noch singen. Sie hatten immer mit Sehnsucht zu tun, fällt mir wieder auf. 

Wie viel Mühe er sich gegeben hatte meinen ersten Besuch in Leningrad vorzubereiten. Alles war genau geplant: Stadtbesichtigung, Museen, Peterhof, Besuche bei all seinen Bekannten, das Ballett Giselle … ich war damals 16 Jahre alt. Er stand kurz vor dem Abschluss seines DiplomsNachdem meine Mutter und die Brüder bereits da gewesen waren, nahm er sich für mich besonders viel Zeit. Ich würde also an einen vertrauten Ort kommen. 

Im Vorfeld der Reise hatte ich Kontakt zu Sergej aufgenommen. Es geschah mehr auf Drängen meines Vaters – auch Michael und Silke hatten im vergangenen Jahr konkrete Anweisungen erhalten, mit wem sie sich aus Anlass ihrer Reise zu treffen hatten. Später erfahre ich, dass auch Serjoscha bei solchen Anlässen detaillierte Anweisungen erhält, was sicher zu stellen ist. Es ging wohl auch darum, dass Vati seine Familie präsentieren wollte. Irgendwie sind wir wohl alle und unser halbes Leben lang RÜCKWÄRTIGE DIENSTE für den Kapitän zur See JM. Na ja – damals hat er uns vorgezeigt …. Und diesmal werde ICH Paulina Petrovna, Serjoscha und ihren Familien meine 22-jährige Tochter vorstellen. 

Alex und ich hätten diese Reise natürlich auch privat organisieren können. In der gebuchten Kleingruppe aber brauchte ich keine Verantwortung für ein repräsentatives Programm übernehmen und freute mich auf unbeschwerte Tage mit Alex in einer tollen Stadt. 

Der Abflug aus Berlin verzögerte sich, die Einreise nach Russland gestaltete sich genau so, wie ich es noch von früher kannte. Inzwischen weiß ich, dass sich solche Prozeduren auch in Amerika nicht anders abspielen. Zwei große, mächtige Staaten … soll sich der Pöbel, der da einreisen will, doch gefälligst in der Staatssprache verständigen können und sich in Geduld üben. Es sind die gleichen großmacht-chauvinistischen Signale, die den Besucher zum Bittsteller degradieren. Wenn er das denn mit sich machen lässt. 

Flughafen Pulkovo 1. Wir werden abgeholt und ins Hotel gefahren. Auf den ersten Blick liegt das Hotel fast außerhalb der Stadt. Die Unterkunft gehört zu einer der vielen Weiterbildungseinrichtungen der Stadt, heißt deshalb „Akademia“. Man hat zwei Etagen hergerichtet, die westlichen Erwartungen entsprechen können. Die meisten Gäste, die wir auf den Gängen und treffen, sprechen russisch.Das Personal ist wie erwartet wenig service-orientiert. Die Zimmer sind relativ klein, aber schön sauber. Das Bad ist sehr gut ausgestattet. Die Dusche hat sogar Sprühdüsen. Es funktioniert leider nur eine der vielen Steckdosen, sodass wir uns zwischen Fernsehen, funktionierendem Kühlschrank für die Getränke, einer Nachttischlampe und unserer reichhaltigen Auswahl an Ladegeräten entscheiden müssen :o) Das Hotel liegt direkt an der Neva und damit auch am stark befahrenen Ring. Da die Zimmer zum Hof ausgerichtet sind, stört es kaum. Am gegenüber liegenden Ufer prunkt das Alexander Newskij Kloster. Dort habe ich anlässlich einer Dienstreise (noch mit meinem ersten Münchner Arbeitgeber) mal einen Ostergottesdienst besucht und war sehr beeindruckt. Am Hotel Moskau gleich daneben beginnt der „Alte Newskij-Prospekt“. Die Metro ist vom Akademija aus zu Fuß schnell erreicht. Auf dem Weg dahin liegen auch noch zahlreiche Lebensmittelgeschäfte (eines davon 24 Stunden offen), sodass wir uns in diesen Tagen gut und ohne Mühe versorgen können.



Reisetagebuch: Irland - Aufbruch in den Urlaub

29. August 2007

Es ist 22:30 Uhr. Der Zug aus Nürnberg  kommt pünktlich in Berlin an. Auf der Fahrt gestern und heute zurück habe ich gleich noch eine Menge Arbeit erledigen können. Das Kollegen-Treffen im Fränkischen verlief auch sehr gut. Schön, dass ich bei dieser Truppe dabei sein darf.  Ich freue mich auf mein Zuhause – ganz besonders an Tagen, an denen W. sich um den Haushalt gekümmert hat. Ich geniesse diesen Luxus. Schade, dass Fine mich diesmal nicht begrüßt mit ihrem Mauzen. Sie wird die nächsten 5 Wochen im Büro leben, hat sich schon gut eingewöhnt bei H., B. und A. Sie fehlt mir jetzt schon. Nach fünf Stunden Zugfahrt gestern und heute bin müde. Aber jetzt ist URLAUB angesagt!  Schnell noch ein paar Sachen in den kleinen Koffer werfen: 10 Tage = 10 Shirts, 2 Pullover, 2 Paar Sportschuhe, zwei Jeans (blau und schwarz). Jetzt kommen mit meine Golf-Sachen zupass. Die weisse Jeans ziehe ich auf die Reise an, Strickjacke und Mantel auch. Unterwäsche für 10 Tage, Badeanzug, Strümpfe. Der IRLAND-Reiseführer. Die Brille. Mobiltelefon und Akku. Allein die Digitalkamera ist seit Tagen nicht auffindbar. Mist! Das kleine Moleskine-Notizbuch, Zahnbürste und Zahnpasta, Shampoo. Creme und ein bisschen Schminke. Schnell noch das Blatt mit den Flugdaten und der Reise-Krankenversicherung. Nach 7 Minuten ist alles verstaut.  Für die anschließend anstehende USA-Reise hat R. schon eine Riesen-Checkliste über den Teich geschickt. Aber das ist später. Jetzt fliege ich erst einmal zu E. nach Dublin. E. war eine der letzten DDR-Kollegen – hat mich gefördert und gefördert als Youngster. Sie wirkte sehr streng auf mich und war mir doch ein Vorbild. Drei größe Söhne hat sie – wahre Recken. Auch sie konnte ihre Partnerschaft nicht halten. Und – auch das war eigentlich schon in der Wendezeit zu erahnen. Sie hat trotzdem ein Haus gebaut und wohnt jetzt draußen vor der Stadt fast allein in dem großen Haus.  Sie arbeitet jetzt als Lehrerin an einer Realschule. In diesem Winter hatten wir gemeinsam einen Antrag auf Fördergelder für einen Englisch-Kurs für sie ausgefüllt. Er war bewilligt worden – so kam sie beim Osterfeuer auf die Idee ich könne sie ja im Anschluss an den Kurs in Irland besuchen kommen. Wir könnten uns gemeinsam das Land ansehen. Die Idee gefiel uns – und die Flüge waren schnell gebucht. Bleibt noch Zeit für die Badewanne? Eigentlich bin ich dafür zu müde. Ich stelle zwei Wecker – der Blick auf das Flugticket heute früh hat gezeigt, dass ich von Schönefeld aus abfliege. Der Weg dahin ist relativ weit. Aber der Flieger geht auch erst gegen neun Uhr.  Mein Weglaufen vor dem Nachdenken ist in diesem Sommer besonders luxeriös. Also dann doch noch Badewanne – und Vorfreude auf Dublin und Irland. 



Reisetagebuch: Island (II) - Hallgrimskirka und Blaue Lagune

29. August 2007

Die Hallkrimskirka von Reykjavik tront auf einem Hügel über der Stadt “wie ein Palast aus einem Buch von Tolkien”. Die Süddeutsche Zeitung schreibt, dass die Stadt mit 180.000 Einwohnern die Hälfte aller Isländer beherbergt. Es gibt “schicke Hotels, einen kleinen See, ein kleines Theater, ein kleines Gefängnis, viele schöne Holzhäuschen im Stadtzentrum und ein Parlament, das kleiner ist als jedes Rathaus in Berlin.” Dieses Land hat die höchste Dichte an Kreditkarten in er Welt, an Internet-Anschlüssen und wohl auch an Mobiltelefonen. Auch die Scheidungsrate soll führend sein …

N. wußte, dass ich es diesmal ernst meinte - er spürte wohl, dass ich die Angst verloren hatte mich von hm zu trennen. Für solche Dinge hatte er ein Gespür! Aber ich bin leicht zu durchschauen. So kannte er auch meine Stelle, an der ein heruntergefallenes Blatt den Drachenblut-Schutz unwirksam sein ließ. N. brachte meine Vertraute, meine Freundin B. dazu, sich wie eine Löwin für ihn einzusetzen und mir “ins Gewissen zu reden”, ihm und unserer Ehe doch noch ”diese eine Chance” zu geben. NOCH eine? WIEDER eine? EINE?? Ich solle doch seine Einladung annehmen und ihn nach Island begleiten. Wir würden Zeit füreinander haben, er mir das Ende der Welt zeigen. Das wäre doch genau das, was mich berühren würde - und ihm eine Chance.

Das Schwarze, das Bodenlose in ihm ging - zunächst unbemerkt - dann doch mit uns auf die Reise. In diesen vier Tagen habe ich viele Stunden “auf Abruf”, auf ihn wartend, im Hotel verbracht. “Bitte nicht aus dem Hotel gehen - wir wollen doch gemeinsam etwas entdecken, erleben. Ich fahre gleich los hier. Ich bin gleich da und hole dich ab. Wir gehen hier gleich hinuter zum Auto und sammeln dich ein auf dem Weg zum großen Abenteuer. Gudjon hat da schon so einige Ideen für uns”. Zwischen diesen Versprechungen und Verzögerungen habe ich in Kurz-Ausflügen all diese Ecken der Stadt besucht, die diese so liebenswert machen, auch abseits der Reiseführer. 

Das Warten zog sich hin, tat weh - es machte mich klein. Aber alles ja nicht so schlimm: Schließlich kann man ja auch nachts noch von der Hotelrezeption aus den Flug auf den Gletscher oder eine Wal-Watching-Tour buchen. Letztere eben dann doch nur für eine Person. Die unendlich zermürbenden Diskussionen im Hotelzimmer, wie wichtig die Fach- und Vertriebsgespräche mit Gudjon für die Firma in München sein würden (die sich übrigens schon in der Woche nach der Rückkehr in Luft auflösten). Und wie mies und kleinkariert dagegen mein Pochen auf den ursprünglichen Abmachungen doch sei. Ich solle nicht undankbar sein (Damit kein Mißverständnis aufkommt: Die Reise hatte ich aus eigenen Mitteln bezahlt). Über all den Wichtigkeiten und Verletzungen vergaßen wir die Mittsommer-Sonne. Und N. vergaß den Grund der Einladung - und was er mir beweisen wollte mit dieser Reise an dieses wunderbare, faszinierende, atemberaubende Ende der Welt.

Zwischen den vertröstenden Telefonaten habe ich die Stadt gesehen: Das Haus auf dem stürmischen Plateau, vor dem Gorbatschow in Anwesenheit der isländischen Präsidentin der Welt sogern die Absprache zwischen ihm und Reagan über den Verzicht auf das SDI-Programm verkündet hätte.

Ich war allein auf dem Meer draußen, um nach Walen Ausschau zu halten. Auch meine Angst ob der riesigen Wellenberge, in denen das Schiff förmlich versank, habe ich allein erlebt. Allein war ich bei den heißen Quellen der ”Blauen Lagune”. Allein habe ich im warmen Wasser dort gelegen und im Nebel die weiß getünchten Menschen auftauchen und wieder verschwinden sehen. Es war keiner neben mir, mit dem ich hätte darüber schmunzeln können, dass man sich hier nach der Arbeit mit Freunden verabredet, um sich mit Kalkschlamm einzuschmieren und sich - nebelschwadenverhangen - wohlig schnaufend köcheln zu lassen. Ich habe allein im feinen Lavasand gelegen, das weiss-milchige Wasser wärmend an meinem Körper herauf auf den schmalen schwarzen Strand fließend. Dabei legte sich der einsetzende Nieselregen wie ein Tuch über das Gesicht. Ich bin einfach eingeschlafen, müde von der Einsamkeit und Traurigkeit, vomn Allein-Sein am Ende der Welt - auch hier.

Hier, so hoch im Norden, reduziert sich Vieles auf das Wesentliche. Ich habe lange in den Bänken der Hallgrimskirka unter dem hohen Kirchenschiff gesessen. Die Einsamkeit hat so viel Platz gehabt zwischen diesen himmelshohen Dachgewölben aus Tolkiens Reich. An manchen Orten werden Dinge durchsichtig und ganz klar … und es wird zu einer großen Erleichterung den Tränen freien Lauf zu lassen. Am Ende der Liebe - hier am Ende der Welt.     



Reisetagebuch: Island (I) - Land der Feen und Trolle

29. August 2007

Landung im Nirgendwo. Amerikanische Militärtransportmaschinen. Pechschwarzes Geröll, silbern glänzend im Licht des Mittsommers. Schon im Anflug sahen wir Gerüste, an denen Trockenfisch wie Wäsche auf der Leine hing. Landung in Kevlavik. Willkommen im Hohen Norden - in Island. Das war im Mai 1997 (?). Gudjon holte uns ab. Auf der Straße nach Reykjavik bog er von der Straße ab auf einen schmalen, aber gepflasterten Weg. Vor uns lag ein kleines, sehr gepflegtes Anwesen: Ein leuchtender weißer niedriger Zaun umgab ein sauberes kleines Häuschen. Gudjon fuhr einfach durch das wie zufällig geöffnete Tor, hielt an vor der Tür und antwortete auf unsere erstaunten Blicke, dass sie als Kinder oft hierher gefahren wären und um Süßigkeiten geklingelt hätten. Es ist das Haus des ehemailigen Staatsoberhauptes von Island.

Die Reisebeilage der Süddeutschen Zeitung vom 06./07. Juni macht mit einem Artikel über das verrückte Nachtleben in Islands Reykjavik auf. In den wenigen Tagen auf Island haben wir im Mai 1997 (?) einige überraschende und berührende Momente erlebt: Die Fahrt zum Geysir – im heißen Wasser einiger Geysire kann man übrigens Brot backen oder Fleisch garen lassen. Der Flug zum Gletscher und die Fahrt mit dem Schneemobil auf dem Dach der Welt. An diesem Tag verunglückte JF Kennedy jun. mit seiner Frau und deren Schwester. Wir waren zu Gast beim Vater von Thomas, einem Arbeitskollegen von N. Der Vater war in früher Jugend den Dadaisten aus Europa nach New York gefolgt. Dort lernte er später seine große Liebe kennen. Die Kinder wollten sie nicht in der großen Stadt aufwachsen sehen – sie zogen in ihre Heimat: an das Ende der Welt. Hier hofften sie ihre Wurzeln zu finden.

Ihre Behausung bestand eigentlich aus Modulen wie Baustellenquartiere, die über Lavabrocken gletternd angeordnet und innen mit Treppen verbunden waren. Sie lag im Tal, eingebettet in eine Wiese mit kniehohem Gras und Blumen, über die die zwei Enkelkinder tollten. Auch ein Fischteich gehörte dazu, der bis in den Winter von der Erdwärme profitierte und in dem wohl auch gebadet wurde. Das weite, grüne Tal war umgeben von hohen, platt geschliffenen Bergplateaus. An manchen Stellen atmeten die heissen Quellen. Einige Reiter zuckelten auf den kurzbeinigen zähen Pferden durch die Ebene.

Wir haben die Kunstbände des Vaters und seine Sammlung sehen dürfen. Sein ruhiges, gut verständliches Englisch lud ein zum Verweilen und nahm uns die Scheu gleich im ersten Moment. Thomas bewirtete und mit Toastscheiben und Butter, Tee. In der Nachbarschaft wohnte der isländische Literaturnobelpreisträger.

Wir haben im Türrahmen gesessen und in dieses Tal geschaut, in dem die Sonne ja nicht unterging in dieser Zeit … und ich wusste, dass ich nichts von dem, was mir so wichtig war, würde halten können. ER war in Gedanken auch hier schon wieder auf der Flucht.

Beim Flug zum Gletscher konnte man tatsächlich erkennen, wie er fließt – aus dieser Vogelperspektive schien das Gletschereis wie aus der Softeis-Maschine zubereitet. Wir fuhren mit einem Amphibienfahrzeuge zuerst über den Schnee und über Geröll … um dann einzutauchen in das Wasser des Gletschersees. Um uns herum schwammen Eisberge – weiß, grau, tiefblau, türkisfarben und grün! Einige von Ihnen waren riesig, manche ganz klein. Wir saßen bewegt im Boot. Einmal schien eines der Ungetüme zu kippen und ein Schrecken durchfuhr alle in den Booten. Die Eisberge trieben kaum merklich, lautlos und irgendwie elegant, bedrohlich und faszinierend zugleich vom Gletscher hinüber in Richtung Meer. Die Ebbe würde sie hinausziehen aus der Lagune, sie entlassen aus der „Kinderstube“. Sie würden sich auf den Weg nach Süden machen.

Später haben wir den Erdenbruch besucht. Er war schon von weitem sichtbar, nachdem der Jeep sich über den Pass gequält hatte. Ein dunkler Streifen, der sich wie ein zweiter Horizont am Ende des Tales abzeichnete, denn wir kamen ja von der tiefer gelegenen Seite. Zwischen den Ebenen der Welten lagen bis zu zwölf Meter Höhenunterschied. Zwischen den Bruchkanten führte ein Pfad entlang. Diese Bruchlinie war grün. Das Wasser in den tiefen Löchern im Tal schien schwarz und war doch ganz durchsichtig in seiner Dunkelheit. Kehrte man dem Erdenbruch den Rücken zu, ergoss sich der Blick ins Tal mit dem Fluss und seinem Delta zum Meer. Atemberaubend! Hier, an diesem besonderen Ort soll zu längst vergangenen Zeiten das älteste Parlament Europas getagt haben – der Platz heißt „Think Platz“.

Viele Jahre später finde ich im Konzert von Jan Garbarek die Melodien dieser Landschaft wieder – die Töne wie aus Schneegestöber, durch das der Wind mich zum Think-Platz führt (CD Visible World: Red Wind) … und die Melodien, zu der sich die Stämme hier an diesem Platz versammeln, heruntersteigen von den Bergen, über den Pass in das Tal treten (Greek). Wie sie herabsteigen zum jährlichen Treffen - jeder Stamm mit seiner eigenen stolzen Melodien. Wie die einzelnen Melodien sich Raum geben, verschmelzen … und ganz am Ende wieder – jeder Stamm für sich - das Tal stolz wieder verlassen bis zur nächsten Zusammenkunft. Im nächsten Jahr?