Am ersten Abend ziehen wir gegen sechs Uhr gleich noch los in Stadt – schließlich sind weiße Nächte. Noch gegen elf Uhr abends ist die Welt in dieses besondere warme Leuchten getaucht, was man gewöhnlich von mediterranen Abenden kennt.
Wir steigen am Newskij Prospekt auf der Höhe des Gastijnnij Dvor aus. Die einstmals so berühmten Shoppinghöfe stellen sich später als ziemlicher Flop heraus. Wir bummeln am Kanal entlang zur Erlöserkirche mit ihren bunten und reichlich verzierten Zwiebeltürmen. Am nächsten Tag wird mir unsere Reiseleiterin besonders sympathisch sein, als sie diesen altrussischen Stil zurückhaltend aber doch eindeutig als eher unpassend für St. Petersburg einordnet.
Der Park nebenan birgt eines der Gebäude des Russischen Museums. Die Sonne leuchtet zwischen den Bäumen des Parks hindurch und verbreitet Leichtigkeit. Am Ingenieurschloss vorbei wandern wir zum berühmten Sommerpark. Er wurde bereits zur Gründung der Stadt angelegt und war den Spaziergängen des Adels und der Hofgesellschaft vorbehalten. Wenn die Stadt im Sommer heiß und stickig wird, weht hier - ganz nah an der Neva – immer ein kühler Wind. Die Skulpturen und Bänke laden sowohl Auge als auch Seele verweilen und genießen.
Das Denkmal für den berühmten Fabeldichter Krylow. Du wusstest so viele seiner Fabeln zu erzählen und mir die Figuren dazu am Sockel des Denkmals zu zeigen, Papa. Ich werde fragen, ob es dieses alte Foto von mir aus dem Jahr 1976 noch gibt.  Papa, ich weiß, dass Du mich liebst. Aber ich konnte und kann das immer nur vermuten. Du hast es mir (und den Brüdern?) immer nur „über Bande“ gezeigt. Du hast viel getan, um uns teilhaben zu lassen an dem, was Dir wichtig und wertvoll war. Andere Menschen haben mir oft erzählt, wie stolz Du bist auf mich, wie sehr Du mich liebst. Ich hätte es merken können daran, wie oft Du mir ganz besondere Geschichten erzählt hast, mir Lieder vorgespielt hast, die Dich bewegt haben, mich auf Dinge aufmerksam gemacht hast, die immer ein besonderes Lernen bei mir ausgelöst haben: Geschichte, Politik, Geografie, Kunst.
Oft auch hast Du mir ausgesuchten Schmuck geschenkt. Nach diesen Tagen in „Deiner Stadt“ habe ich das kleine Faberge-Ei herausgesucht – ich habe es bisher fast nie getragen. Mit Leningrad verbinde ich eher Mamas Ring in der Art einer Jurte des Tschingis-Chan. Sie erinnert mich auch an die pelzbesetzte Krone von Iwan Mudryj (der Weise) aus der Kiewer Rus. Ob Du ihn mir irgendwann einmal schenkst, Mama? Was ich zu verschenken habe, wird Alex nicht als „Erbe“ erhalten – das werde ich ihr VORHER schenken, zu einem besonderen Anlass!Â
Alex … manchmal habe ich das Gefühl, ich umarme sie viel zu selten. Einfach so. Sie suchte auch in diesen Tagen sehr eng Kontakt zu mir, hat mich oft einfach umarmt, mich we immer bei solcher Gelegenheit „meine Mamili“ genannt. Manchmal behandelt sie mich allerdings auch wie eine senile Alte (so nenne ich das), bevormundet mich, klammert. Ich schicke ihr eine SMS „Ich habe Dich lieb, mein Kind :o) Mama“ – sie wird sicher schon wach sein. Es ist schön, wenn man Liebe zeigen kann, einfach so. Oopps, da kommt schon ihre Antwort „Ich Dich auch :o)“.
Ach, Papa, warum konntest und kannst DU mir das nicht sagen? Von kaum jemandem habe ich das viele Jahre soo sehr gebraucht wie von Dir. Später habe ich das bei N. gespürt. Und verloren. Ob meine Sehnsucht danach, Liebe direkt zu erleben, schon aus dieser – unserer – Konstellation stammt, Papa ??? Hier in dieser Stadt bin ich Dir wieder etwas näher. Wieder höre ich dieses Lied von Babra Streisand aus dem Film Yantl … „Papa, can you heare me?“ Â
Das schöne steinerne Haus von Peter dem Großen im Sommergarten ist, wie uns die Reiseleiterin am nächsten Tag erklären wird, in Wirklichkeit eine Schutzhülle: Sie birgt die eigentliche deutlich kleinere Behausung von Peter dem Ersten, von wo er die Gründung der Stadt in den Sümpfen, aber vor den Augen der Schweden vorantrieb. Die Schlosspromenade leuchtet im Abendlicht. Hier die Eremitage, am gegenüberliegenden Ufer die Peter-Pauls-Festung. In einem der Seitenarme liegt der Panzerkreuzer „Aurora“ – früher ein Muss für jeden Besucher. Ein Witz: Der Schuss aus den Rohren des Panzerkreuzer Aurora ist mit Abstand der gewaltigste Schuss in der russischen Geschichte: nur einer davon … und legt doch das ganze Land für siebzig Jahre in Schutt und Asche.
An der Gabelung der Neva: die Strelka mit dem alten Börsengebäude und den zwei ehemaligen Leuchttürmen. Wir schlendern hinüber über die Leutnant-Schmidt-Brücke. Die heißt jetzt wieder Schlossbrücke. Dann wieder zurück zum Schlossplatz. Die Gerüste von den Mittsommerfeierlichkeiten werden gerade noch abgebaut.
Zu diesem Zeitpunkt steht die Stadt auch ganz im Zeichen des Festivals „Das Purpurrotes Segel“. Eigentlich ist das eine berührende Liebesgeschichte – große Sehnsucht und großes Happy End :o). Was habe ich geweint, als ich den Film damals im Fernsehen sah :o)) Hier aber bedeutet es das Fest, mit dem ein ganzer Jahrgang von Abiturienten der Stadt, aber auch von auswärts, den Abschluss der Schulzeit begeht. Die Mädchen sind festlich herausgeputzt, tragen Abendroben und Schärpen. Die Jungs sehen in ihren Anzügen zumeist irgendwie hilflos aus. Sie tragen kleine Anstecker mit einem farbigen Band und einem kleinen Glöckchen – dem „letzten Klingeln“. Dieses Fest begeht man dann später auch am letzten Tag des Studiums. Für die Studenten ist es auch der Tag der Streiche und des Danke-sagen an beliebte Professoren und Lehrer. Ich kann mich noch gut an die heitere Stimmung dieses Tages erinnern :o).Â
Wir schlendern hinüber zur Issak-Kathedrale. Sie ist jetzt wieder eine Kirche. Das F´sche Pendel, an dem die Drehung der Erdkugel unter dem in der Kuppelspitze aufgehängten Pendel demonstriert wurde, hat man abgebaut. Wir fragen nach Eintritt. Um diese späte Stunde kann man „nur noch“ hoch auf die Kollonaden. Das Ticket kostet mich 150 Rubel, meine „ausländischen Gäste“ müssen jeweils 3000 zahlen. Wow, ich gehe als Einheimische durch! Gerade vor Alex macht mich das sehr stolz :o)). Der Blick über die Stadt in der Abendsonne ist spektakulär! Die Stadt zählt heute 5 Mio Einwohner, erstreckt sich bis zum Horizont. Von hier oben sieht man die Newa, wie sie Weite in die Stadt bringt und die vielen Parks im warmen Licht. Es werden deutlich mehr Kirchenkuppeln geworden sein in den letzten Jahren. Wir haben großes Glück mit dem Wetter. Schon zwei Tage später wird es wie aus Kannen gießen. Neben der Isaak-Kathedrale – das Reiterdenkmal: Ganz unbescheiden gewidmet „von Katharina der Zweiten für Peter den Ersten“. Bravo!Â
Wir nehmen den Bus den Newskij hinunter, wieder zum U-Bahn-Station Gastinnyj Dvor. Als wir nach Mitternacht wieder im Hotel sind, liegen einige Stunden Fußmarsch hinter uns :o). Am nächsten Morgen weckt uns die Sonne schon lange vor fünf Uhr mit intensivem Licht, zum Weiterschlafen müssen wir die dunklen Vorhänge zuziehen. Als wir am nächsten Tag die vorgesehene Stadtrundfahrt absolvieren, ist nicht viel Zeit für ausführliche Besichtigungen. Ohne den abendlichen Spaziergang hätten wir also eine Menge Eindrücke weniger sammeln können. Auch das Licht ist am Tage weniger dazu angetan die Stadt leuchten zu lassen. Zuerst besichtigen wir das Smolnyj (Teer)Kloster. Sein Blau und Weiß leuchten in der Sonne. Als Kloster angelegt, nie als solches genutzt, war es Internat und Ausbildungsstätte vornehmer (meist armer) junger adliger Mädchen. Der ganze Komplex wirkt spielerisch und leicht. Mir aber gefällt es besonders in der Peter-Pauls-Festung. Sie hat so etwas gut strukturiertes, lutherisch-karges, fast preußisches … ganz im Gegensatz zu den barocken Bauten der Eremitage, die wir noch besichtigen werden.Â
Abends erwarten uns Serjoscha und Tochter Julia im Hotel. Wir suchen nach dem Gebäude, in dem mein Vater damals während seines Studiums gewohnt hat. Die Vasijewskij-Insel gehört zu den ganz alten Stadtteilen. Hier wurden Schiffe gebaut, wohnten die Arbeiter, das Militär. Das Gebäude ist umgebaut, frisch hergerichtet. Wir machen ein Foto – dokumentieren unser Hier sein und gehen dann Essen. Das Wetter schlägt um, es setzt starker Regen ein. Julia und Alex verständigen sich in Englisch, Serjoscha und ich in Russisch. Alles ist so vertraut :o) Wir verabreden uns noch einmal für den übernächsten Abend – dann will auch Paulina Petrowna da sein, die extra den langen Weg in die Stadt auf sich genommen hat um uns zu sehen.
Wieder im Hotel verfasse ich auch heute die obligatorische Tages-Mail an Mischa und hänge ein paar Bild-Impressionen vom Tage an.