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Archiv der Kategorie 'Familie'

Lieder: Wir Beide (Juli)

4. Januar 2009

Weihnachtsurlaub in New York 2008
Es war wunderschön mit Dir, Alex … mein Adler-Mädchen!

Du hast mir dieses Lied einmal als Link auf YouTube geschickt.
Du hast mich damit sehr berührt.


Weißt du eigentlich
was du bist für mich?
alles andere als normal
und jederzeit loyal, royal
du bist mein fundament
keine die mich so gut kennt
keine die mich sieht wie du
old Shatterhand ich winnetou

Immer werden wir so bleiben
jung und frei, schön wir beide
stehen auf der guten seite
jahr für jahr
immer werden wir so bleiben
lachen über schlechte zeiten
deine schmerzen sind auch meine
jahr für jahr

Weißt du eigentlich
was du tust für mich
wenn du meine lasten trägst
und dich mit meinen feinden schlägst
ich vertraue dir mehr als mir
und ich liebe dich dafür
dass du bist wie du isst,
dass du niemals vergisst
was das wichtige ist
wir beide

Immer werden wir so bleiben
jung und frei, schön wir beide
stehen auf der guten seite
jahr für jahr
immer werden wir so bleiben
lachen über schlechte zeiten
deine schmerzen sind auch meine
jahr für jahr



Müde Ressourcen: Abreise Alex 11.08.2008

26. August 2008

Ich bin einfach nur k.o. - Alex frisst mich ganz schön auf. Sie ist selbst sehr aufgewühlt und duldet keinen Gedanken neben sich. Natürlich ist es ein großer Einschnitt in ihr Leben, jetzt das Grundstudium abgeschlossen zu haben, ihr Studentendomizil in Aachen aufzulösen und aufzubrechen „über den großen Teich“. 

Gerade hatte ich mich für eine aufregende Reise und eine (wunderbare) Nacht mit Mischa in München getroffen und war erst mit dem Flieger wieder in Berlin eingetroffen. Wir verstauten nur schnell ein paar Sachen im Auto und machten uns gleich auf den Weg an die Ostsee zu meinen Eltern. Sie haben sich sehr nett zu ihr verhalten, den Abschied richtig lieb zelebriert. Am nächsten Tag auf dem Rückweg im Auto aber ging es schon wieder darum, dass ich dies nicht genug tue. Sie aber klagt alleiniges Recht auf meine Aufmerksamkeit ein während „ihrer letzten Tage in Deutschland“. Natürlich war ich in Gedanken in diesen Stunden auch bei Mischa. Schließlich berührt mich unsere Beziehung sehr tief. Erst einmal bin ich seit Jahren “abschiedsmüde”. Außerdem mag ich nicht immer das tun müssen, was sie mir vorschreibt, damit ihre Welt so ist, wie sie diese gerade haben will.  

Und dann gab es gestern wieder einen Riesen-Gau: Sie wollte N. im vergangenen Monat unbedingt die Möglichkeit geben, dass er ihr den Laptop für Amerika richten lässt. Obwohl ich “alles” schon wieder voraus geahnt und ihr meine Unterstützung angeboten hatte … es kam wie es kommen musste …Den Besuch bei unserem gemeinsamen IT-Freund haben sie seinerzeit nur für Schwatzen genutzt (und zum Verunsichern) anstatt die Anforderungen an einen USA-tauglichen Laptop zu besprechen. Mit dem Effekt, dass Alex am Samstagnachmittag beim Abholen des Laptop merkt, dass sie darauf gar keine Office-Programme hat … Ihre ganze Verzweiflung über einen quasi nutzlosen Laptop habe ICH dann zu spüren bekomme. Und was mache ich - ich bin wieder die Ressource, die heilt.  

Nach der ersten Panik haben wir im Internet ein preiswertes Office-Paket für Studenten recherchiert … und da der Saturn auch samstags bis 22:00 Uhr auf hat, alles auch noch hin bekommen. In guten Zeiten zelebrieren können, in schlechten die Welt retten … und bei allem immer ein offenes Ohr für die wichtigsten UND die belanglosesten Dinge zugleich. Und bei allem immer schön locker bleiben und ja keine eigenen offenen Themen haben. Alles in Griff haben und gleichzeitig nirgends andere Kreise stören. Ich will einfach keine RESSOURCE für andere sein! 

Der emotionale Preis mit Alex ist mir derzeit einfach zu groß! Ich bin nur noch k.o. Mein Nacken ist eisenhart, ich bin total eingeigelt und das Ohr piept. Obwohl ich ein schlechtes Gewissen habe bei diesen Gedanken, aber ich will jetzt wieder für mich da sein können, ich will dass sie jetzt los fliegt. Es kostet sonst so viel Kraft, dass von mir noch etwas übrig bleibt. Ich habe das Gefühl aufgebraucht zu werden, damit andere Welten funktionieren können. 

Und bei diesen Gedanken schäme ich mich.



St. Petersburg (IV) - Herzenssachen

29. Juni 2008

An diesem Abend holt uns Serjoscha – diesmal mit seinem Susuki-Roadster - noch einmal vom Hotel ab. Wir sind zum Abendessen in seiner Wohnung eingeladen und werden von seiner Frau erwartet. Aber erst verbringen wir einmal fast 1,5 Std. im Stau auf dem nur drei Kilometer langen Alten Newskij-Prospekt. Trotzdem wird uns die Zeit nicht lang – Alex hört Walkman und Serjoscha und ich schwatzen angeregt.

Dann ruft Mischa an. Er ist an diesem Abend dienstlich in einer anderen Stadt. Nur an solchen Tagen können wir abends mit einander telefonieren. Wir flirten einwenig – da wird Alex unwirsch, was zu einem heftigen Wortabtausch zwischen uns führt. Ich muss mein Gespräch mit Mischa beenden.

Der Abend wird sehr nett. Irina – Serjoschas Frau – ist immer noch so scharfzüngig, wie ich sie bei unserem ersten und einzigen Treffen vor einigen Jahren (1996?) erlebt habe. Wir lästern recht respektlos über meinen Vater. Das verbindet zusätzlich und trägt zur herzlichen Atmosphäre bei :o). Dann fährt Serjoscha uns zu seinen Eltern. Dazu müssen wir quer durch die ganze Stadt fahren. Die alten, zum Teil heruntergekommenen Stadtbezirke hatten wir an den Tagen vorher schon gesehen. Jetzt erkennt man auch, wie viel Luxuswohnungen gebaut werden. Auf einer der Inseln in der Stadt ersteht gerade eine Art Fisher Island (Maimi). Natürlich sind das solche Inseln,  auf denen die Stadtpalais aus früheren Zeiten in wunderschönen alten Parkanlagen stehen, die jetzt aufwändig renoviert werden.  Robert Sergejevitsch wartet vor der Tür auf uns. Die alten Veteranen werden heute noch in die Arbeit ihrer Einrichtungen einbezogen – so erhält er am Ende des Ausbildungsjahres immer noch Einladungen in Kommissionen, vor denen Wissenschaftliche Arbeiten verteidigt werden. Er ist sichtlich stolz darauf, noch gefragt zu sein.

Dann stehen wir vor Paulina Petrovna. Entgegen den Ankündigungen meines Vaters sieht man ihr nach meinem Empfinden die siebzig Jahre, die sie im vergangenen Jahr gefeiert hat, nicht an. Ihre Haare sind nicht mehr von dem vollen braunen Glanz, wie ich sie in Erinnerung hatte. Sie hat sie inzwischen konsequent blond gefärbt. Aber genau das steht ihr gut, macht ihr Erscheinungsbild heller und damit jünger. Diese Stimme & Tonlage würde ich unter Hunderten wieder erkennen!!  

Wir umarmen uns von ganzem Herzen. Sie weist mich darauf hin, dass unsere Familien nun schon in der dritten Generation mit einander verbunden sind – mein Vater, der seine Kinder herbrachte. Und nun ich mit einer Tochter im Alter wie Sergejs Tochter. Sie erkundigen sich nach Vati, erzählen, wie sehr sie seine Klugheit und Weitsicht geschätzt haben und schätzen. Sie erinnern mich an kleine Details meines ersten Besuches bei ihnen, die mir natürlich so nicht mehr präsent sind. Ich soll lauthals gesungen haben von ihrem Balkon, damals noch am Moskauer Prospekt. Ich verbinde mit diesem Besuch eher den Geruch frischer Gurken zum Frühstück, von frischem Weißbrot, Landbutter und rotem Kaviar :o). Paulina hatte mir damals ein kleines wollenes Halstuch geschenkt – es fällt mir auch heute noch immer in die Augen, wenn ich die Schublade mit den Wintertüchern öffne.  Als sie mir erzählen, wie sehr Vati immer stolz auf mich war, wie sehr er mich liebt, löst sich bei mir alles in Tränen auf.

Nein! Wenn man jemanden wirklich liebt, muss man das verbindlich tun – gradlinig, ehrlich und verlässlich, ohne „über Bande zu spielen“! Alex, das schwöre ich Dir!      

Wir müssen uns beeilen – um halb wie Uhr nachts werden die Brücken der Stadt geöffnet. Dann geht nichts mehr. Serjoscha setzt uns im Hotel ab. Alex will erst Fußball sehen, dann mit mir reden. Sie beschwert sich, dass diese Tage doch als UNSER gemeinsamer Urlaub geplant waren. Jetzt aber bin ich mit meinen Gedanken bei Mischa. Sie wird laut, wird verletzend. Ich mag das jetzt nicht ausdiskutieren. Er ruft an, scheint verunsichert durch die harsche Reaktion von Alex. Er sagt er hätte Angst, dass dies uns entzweien könnte. Er braucht mich, sagt er. Ich beruhige ihn, so gut ich das kann. Er scheint sehr aufgewühlt. Vielleicht haben die Herren nach den dienstlichen Terminen am Abend im Biergarten einfach etwas getrunken. Auch unsere besondere Situation, die ja so gar nicht in sein auch sonst voll bepacktes Leben passt, wird ihn Kraft kosten inzwischen.  Was soll ICH denn sagen? Zu Alex` Ansprüchen an mich oder auf mich kann ich mich positionieren. Wir haben es inzwischen gelernt unsere Interessen und Ansprüche an einander zu formulieren und notfalls auszukämpfen. Das gelingt nicht immer gleich – diesmal schaffen wir es erst im Cafe auf dem Flughafen, und zu entschuldigen und zu vertragen. Aber was ist mit meinen Ängsten? Was wird eigentlich, wenn die Frauen in Deiner Umgebung, Mischa, einmal von meiner Existenz und unseren Gefühlen erfahren sollten??? Was hat es dann noch für Bedeutung und Gewicht, dass ich Dich vielleicht auch brauche. Unsere langen Gespräche sind sehr warmherzig. Wir sind süchtig danach. Das wird eine Rechnung! O je :o) Ich fühle ich so glücklich bei den Gedanken an Mischa, in den Gesprächen mit ihm. Er tut mir gut. Auch an diesem Abend schicke ich ihm noch eine Tages-Mail. Gegen vier Uhr schlafe ich endlich ein.  

Um halb sechs klingeln alle Wecker. Die Sachen haben wir am Vorabend schon gepackt. Natürlich klappt es nicht, dass wir – obwohl im Voucher extra ausgewiesen – vor unserer Abreise zum Flughafen noch ein Frühstück bekommen. Aber das Tranfer-Auto ist pünktlich. Wir verlassen die Stadt diesmal auf den Wegen, die ich von meinem ersten Besuch her kenne – den Moskauer Prospekt entlang, vorbei am Mahnmahl für die Verteidiger Leningrads während der Blockade, die Pulkover Höhen mit ihrem berühmten Observatorium. Damit ich rechtzeitig zu den Vorlesungen im Göttinger Klinikum anreisen kann, hatte das Reisebüro einen früheren Flug für uns gebucht … sinnvoller weise mit Zwischenhalt in Riga?!

Am Schalter frage ich nach Tickets für den gerade aufgerufenen Direktflug nach Berlin. Auahhhh, meine Kreditkarte quietscht. Dafür sind Alex und ich glücklich nachhause zu kommen. Es macht Spaß Geld zu verdienen, das einem manchmal solche Freiräume bietet. Wir fliegen mit einer TU 154 einer russischen Airline. Ich muss Alex beruhigen, dass die hier durchaus nicht hinterm Mond leben, was Flugsicherheit und -erfahrungen angeht. Na ja, zugegeben, was die Freundlichkeit des Personals angeht, ja vielleicht doch … 

Aber dann schweben wir schon über den Wolken. 1.500 Km oder 1 Std. 40 Minuten sind es Richtung Heimat. Wir sind uns einig – das war ein toller Kurzurlaub :o) Das Flugzeug landet, das Bremsen fällt sportlich aus. Jetzt endlich entkrampft sich Alex neben mir – obwohl dieser Flug ganz ruhig verlief, hat sie bei jedem kleinsten Geräusch nach meiner Hand gegriffen und ist erstarrt. Was soll das nur werden auf ihrem Flug nach Amerika? Wir vereinbaren, dass sie vorher vielleicht doch einmal nach einem Anti-Flugangst-Seminar recherchiert. Wir sind zurück im Alltag. 



St. Petersburg (III) - Irina

29. Juni 2008

Am nächsten Morgen steht die Eremitage auf dem Programm. Hier beeindruckt mehr die riesige Anzahl der Räume, deren luxuriöse Ausstattung, die überbordende Fülle der Exponate. Im Feldherrensaal, eingerichtet in Gedenken an den Napoleonfeldzug, fallen mir einige wenige leere Rahmen auf, deren Leere mit grünem Satin ausgefüllt sind. Mir fällt ein Lied ein, das wir oft zur Gitarre gesungen haben.

Es handelt von der Erinnerung, die durch die Gänge der Lebensgefährten irrt, die Verhüllungen mancher Bilder zu lüften versucht um sich erinnern zu können. Hat vielleicht der Wächter nicht acht gegeben – oder warum sind die Namen mancher Bilder inzwischen verblichen oder verwaschen … manches Dargestellte nicht mehr reproduzierbar? Einer dieser Rahmen in dieser Galerie aber ist (noch) leer. Der Wunsch ist groß, dass DEIN Bild nicht einmal dort hinein gehören, dem Vergessen preisgegeben sein möge …   Ich bleibe vor den Skulpturen von Rodin stehen. Aus ihnen spricht so viel Zuwendung, Vertrauen, Hingabe und Beschützen … am Abend schicke ich die Fotos dieser Skulpturen an Mischa. Ich habe Sehnsucht. Aber die habe ich in all diesen Tagen ohnehin in jedem Augenblick :o) Wie viel Zärtlichkeit aus seinen E-Mail spricht – Sehnsucht und Begehren. Und Phantasie :o)). 

Am frühen Nachmittag sind wir mit Irina verabredet. Wir haben uns 1980 fast beiläufig kennen gelernt, als ich die Studenten des Folgejahrgangs in Berlin abholte und während des Sommerkurses in Woronesh begleitete. Irina, damals Studentin des Kiewer Politechnischen Instituts, war mit der Stadtführung auf der Zwischenstation Kiew beauftragt worden. Später habe ich sie in Kiew besucht, bei ihrer Familie gewohnt. Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie die Balkontür aufstand, die Kastanien im Hof blühten, die Katze zu meinen Füßen lag, die Oma mich versorgte … München riecht und blüht im Frühjahr ähnlich.  Es war dieser besondere Sommer in Woronesh. Seine Beschreibung habe ich viele Jahre später wieder gefunden bei Michael Schindhelm in „Roberts Reise“: Die staubige Schwüle, die Irrwitzigkeit des Alltags unseres Systems, noch dazu in sowjetische Ausprägung. Die verwesenden Fische am Flussufer – die Leute stiegen über sie hinweg zum Baden. Dieser Besuch in Russland lässt so viele Erinnerungen aufleben in mir. Michael Schindhelm, eigentlich Chemiker und nach dem Studium Kollege von Angela Merkel, wurde später Theaterregisseur, war für eine kurze Zeit Chef der Berliner Opernstiftung (?) und arbeitet jetzt in Dubai an großen Kulturprojekten. Das Bild von ihm in der FAZSo  Zeitung hat mich berührt wie sein Buch – wieder war da so viel Einsamkeit und Suche … 

Nachdem ich Irinas Bruder Igor über einen anderen Ansprechpartner bei www.myspace.de im Internat gefunden hatte, war es nur ein Schritt mit Irischa wieder in Kontakt zu treten und zu verabreden. Wir haben uns gleich erkannt. Alex hat sich im Cafe die Zeit mit dem Lösen von Sudokus vertrieben – Irischa und ich fanden vom ersten Moment an diese Vertrautheit und Leichtigkeit unserer Studentenjahre wieder. Dienstliches, Privates: Wie ähnlich sich die Herausforderungen, Sorgen und Freuden sind! Wie ähnlich auch die Strukturen der Menschen, die uns nahe sind – Eltern, Brüder, Ehemänner … wie ähnlich die Sehnsüchte und Erwatungen an das Leben :o) Schade, dass diesmal so wenig Zeit blieb. Gemeinsam unternahmen wir noch eine Bootstour durch einige Wasserarme. Auf der Neva draußen erwischte uns ein heftiger Regenschauer.  Am nächsten Morgen schlägt die katastrophale Verkehrslage in der Stadt zu: Obwohl wir mit dem Bus eigentlich gegen den Strom fahren in Richtung des Vorortes Puschkin, stehen wir lange im Stau. Puschkin entpuppt sich dann als vornehm herausgeputzter Nobelvorort. Was heißt hier eigentlich ehemalige Zarenresidenz – die modernen Fürsten leben auch sehr luxuriös. Wir besichtigen das Jekaterinen-Palais. Hier befindet sich inzwischen wieder das berühmte Bernsteinzimmer. Das muss man sicher gesehen haben. Aber eigentlich bezaubert uns eher die Leichtigkeit des Schlosses und die Schönheit seiner unzähligen Räume. Sie werden in der Ausstattung verschiedener Epochen präsentiert. Alex empfindet das weißgetünchte Barock eher als überladen. Ihr gefallen eher die Räume im Empire-Stil. Ich lasse mich einfach in die Flut der Eindrücke fallen …

… und in die Vielzahl der zärtlichen Mails von Mischa, die im Blackberry auflaufen und sich durch ein Summen in der Tasche wohltuend bemerkbar machen. Alex wird langsam böse auf mich. Abends muss ich mich auf dem langen Flur herumdrücken, um mit Mischa telefonieren zu können.

Anschließend bummeln wir durch den wunderschönen Park von Peterhof, am finnischen Meerbusen gelegen. Zum Glück hat Papa mir damals viel zur Bedeutung der Figuren erzählt. Unsere Reiseleiterin Natascha erweist sich als sehr kundig und nett, aber hinter Papas Erzählungen schimmerten immer so viele Geschichten …



St. Petersburg (II) - Mittsommerspaziergang

29. Juni 2008

Am ersten Abend ziehen wir gegen sechs Uhr gleich noch los in Stadt – schließlich sind weiße Nächte. Noch gegen elf Uhr abends ist die Welt in dieses besondere warme Leuchten getaucht, was man gewöhnlich von mediterranen Abenden kennt.

Wir steigen am Newskij Prospekt auf der Höhe des Gastijnnij Dvor aus. Die einstmals so berühmten Shoppinghöfe stellen sich später als ziemlicher Flop heraus. Wir bummeln am Kanal entlang zur Erlöserkirche mit ihren bunten und reichlich verzierten Zwiebeltürmen. Am nächsten Tag wird mir unsere Reiseleiterin besonders sympathisch sein, als sie diesen altrussischen Stil zurückhaltend aber doch eindeutig als eher unpassend für St. Petersburg einordnet.

Der Park nebenan birgt eines der Gebäude des Russischen Museums. Die Sonne leuchtet zwischen den Bäumen des Parks hindurch und verbreitet Leichtigkeit. Am Ingenieurschloss vorbei wandern wir zum berühmten Sommerpark. Er wurde bereits zur Gründung der Stadt angelegt und war den Spaziergängen des Adels und der Hofgesellschaft vorbehalten. Wenn die Stadt im Sommer heiß und stickig wird, weht hier  - ganz nah an der Neva – immer ein kühler Wind. Die Skulpturen und Bänke laden sowohl Auge als auch Seele verweilen und genießen.

Das Denkmal für den berühmten Fabeldichter Krylow. Du wusstest so viele seiner Fabeln zu erzählen und mir die Figuren dazu am Sockel des Denkmals zu zeigen, Papa. Ich werde fragen, ob es dieses alte Foto von mir aus dem Jahr 1976 noch gibt.  Papa, ich weiß, dass Du mich liebst. Aber ich konnte und kann das immer nur vermuten. Du hast es mir (und den Brüdern?) immer nur „über Bande“ gezeigt. Du hast viel getan, um uns teilhaben zu lassen an dem, was Dir wichtig und wertvoll war. Andere Menschen haben mir oft erzählt, wie stolz Du bist auf mich, wie sehr Du mich liebst. Ich hätte es merken können daran, wie oft Du mir ganz besondere Geschichten erzählt hast, mir Lieder vorgespielt hast, die Dich bewegt haben, mich auf Dinge aufmerksam gemacht hast, die immer ein besonderes Lernen bei mir ausgelöst haben: Geschichte, Politik, Geografie, Kunst.

Oft auch hast Du mir ausgesuchten Schmuck geschenkt. Nach diesen Tagen in „Deiner Stadt“ habe ich das kleine Faberge-Ei herausgesucht – ich habe es bisher fast nie getragen. Mit Leningrad verbinde ich eher Mamas Ring in der Art einer Jurte des Tschingis-Chan. Sie erinnert mich auch an die pelzbesetzte Krone von Iwan Mudryj (der Weise) aus der Kiewer Rus. Ob Du ihn mir irgendwann einmal schenkst, Mama? Was ich zu verschenken habe, wird Alex nicht als „Erbe“ erhalten – das werde ich ihr VORHER schenken, zu einem besonderen Anlass! 

Alex … manchmal habe ich das Gefühl, ich umarme sie viel zu selten. Einfach so. Sie suchte auch in diesen Tagen sehr eng Kontakt zu mir, hat mich oft einfach umarmt, mich we immer bei solcher Gelegenheit „meine Mamili“ genannt. Manchmal behandelt sie mich allerdings auch wie eine senile Alte (so nenne ich das), bevormundet mich, klammert. Ich schicke ihr eine SMS „Ich habe Dich lieb, mein Kind :o) Mama“ – sie wird sicher schon wach sein. Es ist schön, wenn man Liebe zeigen kann, einfach so. Oopps, da kommt schon ihre Antwort „Ich Dich auch :o)“.

Ach, Papa, warum konntest und kannst DU mir das nicht sagen? Von kaum jemandem habe ich das viele Jahre soo sehr gebraucht wie von Dir. Später habe ich das bei N. gespürt. Und verloren. Ob meine Sehnsucht danach, Liebe direkt zu erleben, schon aus dieser – unserer – Konstellation stammt, Papa ??? Hier in dieser Stadt bin ich Dir wieder etwas näher. Wieder höre ich dieses Lied von Babra Streisand aus dem Film Yantl … „Papa, can you heare me?“  

Das schöne steinerne Haus von Peter dem Großen im Sommergarten ist, wie uns die Reiseleiterin am nächsten Tag erklären wird, in Wirklichkeit eine Schutzhülle: Sie birgt die eigentliche deutlich kleinere Behausung von Peter dem Ersten, von wo er die Gründung der Stadt in den Sümpfen, aber vor den Augen der Schweden vorantrieb. Die Schlosspromenade leuchtet im Abendlicht. Hier die Eremitage, am gegenüberliegenden Ufer die Peter-Pauls-Festung. In einem der Seitenarme liegt der Panzerkreuzer „Aurora“ – früher ein Muss für jeden Besucher. Ein Witz: Der Schuss aus den Rohren des Panzerkreuzer Aurora ist mit Abstand der gewaltigste Schuss in der russischen Geschichte: nur einer davon … und legt doch das ganze Land für siebzig Jahre in Schutt und Asche.

An der Gabelung der Neva: die Strelka mit dem alten Börsengebäude und den zwei ehemaligen Leuchttürmen. Wir schlendern hinüber über die Leutnant-Schmidt-Brücke. Die heißt jetzt wieder Schlossbrücke. Dann wieder zurück zum Schlossplatz. Die Gerüste von den Mittsommerfeierlichkeiten werden gerade noch abgebaut.

Zu diesem Zeitpunkt steht die Stadt auch ganz im Zeichen des Festivals „Das Purpurrotes Segel“. Eigentlich ist das eine berührende Liebesgeschichte – große Sehnsucht und großes Happy End :o). Was habe ich geweint, als ich den Film damals im Fernsehen sah :o)) Hier aber bedeutet es das Fest, mit dem ein ganzer Jahrgang von Abiturienten der Stadt, aber auch von auswärts, den Abschluss der Schulzeit begeht. Die Mädchen sind festlich herausgeputzt, tragen Abendroben und Schärpen. Die Jungs sehen in ihren Anzügen zumeist irgendwie hilflos aus. Sie tragen kleine Anstecker mit einem farbigen Band und einem kleinen Glöckchen – dem „letzten Klingeln“. Dieses Fest begeht man dann später auch am letzten Tag des Studiums. Für die Studenten ist es auch der Tag der Streiche und des Danke-sagen an beliebte Professoren und Lehrer. Ich kann mich noch gut an die heitere Stimmung dieses Tages erinnern :o). 

Wir schlendern hinüber zur Issak-Kathedrale. Sie ist jetzt wieder eine Kirche. Das F´sche Pendel, an dem die Drehung der Erdkugel unter dem in der Kuppelspitze aufgehängten Pendel demonstriert wurde, hat man abgebaut. Wir fragen nach Eintritt. Um diese späte Stunde kann man „nur noch“ hoch auf die Kollonaden. Das Ticket kostet mich 150 Rubel, meine „ausländischen Gäste“ müssen jeweils 3000 zahlen. Wow, ich gehe als Einheimische durch! Gerade vor Alex macht mich das sehr stolz :o)). Der Blick über die Stadt in der Abendsonne ist spektakulär! Die Stadt zählt heute 5 Mio Einwohner, erstreckt sich bis zum Horizont. Von hier oben sieht man die Newa, wie sie Weite in die Stadt bringt und die vielen Parks im warmen Licht. Es werden deutlich mehr Kirchenkuppeln geworden sein in den letzten Jahren. Wir haben großes Glück mit dem Wetter. Schon zwei Tage später wird es wie aus Kannen gießen. Neben der Isaak-Kathedrale – das Reiterdenkmal: Ganz unbescheiden gewidmet „von Katharina der Zweiten für Peter den Ersten“. Bravo! 

Wir nehmen den Bus den Newskij hinunter, wieder zum U-Bahn-Station Gastinnyj Dvor. Als wir nach Mitternacht wieder im Hotel sind, liegen einige Stunden Fußmarsch hinter uns :o). Am nächsten Morgen weckt uns die Sonne schon lange vor fünf Uhr mit intensivem Licht, zum Weiterschlafen müssen wir die dunklen Vorhänge zuziehen. Als wir am nächsten Tag die vorgesehene Stadtrundfahrt absolvieren, ist nicht viel Zeit für ausführliche Besichtigungen. Ohne den abendlichen Spaziergang hätten wir also eine Menge Eindrücke weniger sammeln können. Auch das Licht ist am Tage weniger dazu angetan die Stadt leuchten zu lassen. Zuerst besichtigen wir das Smolnyj (Teer)Kloster. Sein Blau und Weiß leuchten in der Sonne. Als Kloster angelegt, nie als solches genutzt, war es Internat und Ausbildungsstätte vornehmer (meist armer) junger adliger Mädchen. Der ganze Komplex wirkt spielerisch und leicht. Mir aber gefällt es besonders in der Peter-Pauls-Festung. Sie hat so etwas gut strukturiertes, lutherisch-karges, fast preußisches … ganz im Gegensatz zu den barocken Bauten der Eremitage, die wir noch besichtigen werden. 

Abends erwarten uns Serjoscha und Tochter Julia im Hotel. Wir suchen nach dem Gebäude, in dem mein Vater damals während seines Studiums gewohnt hat. Die Vasijewskij-Insel gehört zu den ganz alten Stadtteilen. Hier wurden Schiffe gebaut, wohnten die Arbeiter, das Militär. Das Gebäude ist umgebaut, frisch hergerichtet. Wir machen ein Foto – dokumentieren unser Hier sein und gehen dann Essen. Das Wetter schlägt um, es setzt starker Regen ein. Julia und Alex verständigen sich in Englisch, Serjoscha und ich in Russisch. Alles ist so vertraut :o) Wir verabreden uns noch einmal für den übernächsten Abend – dann will auch Paulina Petrowna da sein, die extra den langen Weg in die Stadt auf sich genommen hat um uns zu sehen.

Wieder im Hotel verfasse ich auch heute die obligatorische Tages-Mail an Mischa und hänge ein paar Bild-Impressionen vom Tage an.



St. Petersburg (I)

29. Juni 2008

Nun also St. Petersburg.  

Die Traumstadt meines Vaters. Wie viele Dias haben wir als Kinder betrachtet, wenn er in die Ferien kam während seines Studium in Leningrad. Wie viele Geschichten er zu erzählen wusste! Wir waren eingeweiht in seine Freundschaften mit Vitalij, Paulina Petrovna und Robert Sergejevitsch, Serjoscha, Anatolij Demjanitsch, kannten die Familiengeschichten und wussten von den gemeinsamen Ausflügen. Als Kinder hat uns das damals nicht sonderlich interessiert. Mich hat aber sehr wohl die emotionale Berührtheit meines Vaters von diesem Land, seiner Geschichte, den Leuten geprägt. Viele Lieder von den Schallplatten, die er auch nach dem Studium regelmäßig auflegte, kann ich heute noch singen. Sie hatten immer mit Sehnsucht zu tun, fällt mir wieder auf. 

Wie viel Mühe er sich gegeben hatte meinen ersten Besuch in Leningrad vorzubereiten. Alles war genau geplant: Stadtbesichtigung, Museen, Peterhof, Besuche bei all seinen Bekannten, das Ballett Giselle … ich war damals 16 Jahre alt. Er stand kurz vor dem Abschluss seines DiplomsNachdem meine Mutter und die Brüder bereits da gewesen waren, nahm er sich für mich besonders viel Zeit. Ich würde also an einen vertrauten Ort kommen. 

Im Vorfeld der Reise hatte ich Kontakt zu Sergej aufgenommen. Es geschah mehr auf Drängen meines Vaters – auch Michael und Silke hatten im vergangenen Jahr konkrete Anweisungen erhalten, mit wem sie sich aus Anlass ihrer Reise zu treffen hatten. Später erfahre ich, dass auch Serjoscha bei solchen Anlässen detaillierte Anweisungen erhält, was sicher zu stellen ist. Es ging wohl auch darum, dass Vati seine Familie präsentieren wollte. Irgendwie sind wir wohl alle und unser halbes Leben lang RÜCKWÄRTIGE DIENSTE für den Kapitän zur See JM. Na ja – damals hat er uns vorgezeigt …. Und diesmal werde ICH Paulina Petrovna, Serjoscha und ihren Familien meine 22-jährige Tochter vorstellen. 

Alex und ich hätten diese Reise natürlich auch privat organisieren können. In der gebuchten Kleingruppe aber brauchte ich keine Verantwortung für ein repräsentatives Programm übernehmen und freute mich auf unbeschwerte Tage mit Alex in einer tollen Stadt. 

Der Abflug aus Berlin verzögerte sich, die Einreise nach Russland gestaltete sich genau so, wie ich es noch von früher kannte. Inzwischen weiß ich, dass sich solche Prozeduren auch in Amerika nicht anders abspielen. Zwei große, mächtige Staaten … soll sich der Pöbel, der da einreisen will, doch gefälligst in der Staatssprache verständigen können und sich in Geduld üben. Es sind die gleichen großmacht-chauvinistischen Signale, die den Besucher zum Bittsteller degradieren. Wenn er das denn mit sich machen lässt. 

Flughafen Pulkovo 1. Wir werden abgeholt und ins Hotel gefahren. Auf den ersten Blick liegt das Hotel fast außerhalb der Stadt. Die Unterkunft gehört zu einer der vielen Weiterbildungseinrichtungen der Stadt, heißt deshalb „Akademia“. Man hat zwei Etagen hergerichtet, die westlichen Erwartungen entsprechen können. Die meisten Gäste, die wir auf den Gängen und treffen, sprechen russisch.Das Personal ist wie erwartet wenig service-orientiert. Die Zimmer sind relativ klein, aber schön sauber. Das Bad ist sehr gut ausgestattet. Die Dusche hat sogar Sprühdüsen. Es funktioniert leider nur eine der vielen Steckdosen, sodass wir uns zwischen Fernsehen, funktionierendem Kühlschrank für die Getränke, einer Nachttischlampe und unserer reichhaltigen Auswahl an Ladegeräten entscheiden müssen :o) Das Hotel liegt direkt an der Neva und damit auch am stark befahrenen Ring. Da die Zimmer zum Hof ausgerichtet sind, stört es kaum. Am gegenüber liegenden Ufer prunkt das Alexander Newskij Kloster. Dort habe ich anlässlich einer Dienstreise (noch mit meinem ersten Münchner Arbeitgeber) mal einen Ostergottesdienst besucht und war sehr beeindruckt. Am Hotel Moskau gleich daneben beginnt der „Alte Newskij-Prospekt“. Die Metro ist vom Akademija aus zu Fuß schnell erreicht. Auf dem Weg dahin liegen auch noch zahlreiche Lebensmittelgeschäfte (eines davon 24 Stunden offen), sodass wir uns in diesen Tagen gut und ohne Mühe versorgen können.



Urlaube - Energiebilanzen

29. Juni 2008

Vier Tage St. Petersburg liegen hinter Alex und mir. Jetzt sind wir wieder zuhause. Ja doch, das empfinde ich so. Aber ein Teil von mir war und ist irgendwie auch DORT zuhause.  

Natürlich war ich gespannt auf diese wunderbare Stadt, zumal wir sie in Mittsommer-Stimmung besuchen. Ich habe ich gefreut darauf, sie Alex zu zeigen.  

Von all unseren Familienurlauben hat sie kaum eine Erinnerung behalten. Dabei habe ich mir, haben wir uns eigentlich Mühe gegeben, gemeinsam das jeweilige Land und seine Sehenswürdigkeiten zu erleben: Mit dem Urlaub in Griechenland verbindet sie vor allem eine Erinnerung an ihr Lieblingsfoto – es zeigt uns beide im warmen Sommerlicht, in ein Gespräch vertieft. Mauritius, Algarve in Portugal, wunderbare Mallorca-Aufenthalte, die Kanarischen Inseln, die Toskana, Andalusien, Dsherba in Tunesien. Von unsrem Türkeiurlaub ist ihr dann doch noch die Geschichte um meinen goldenen Halsreifen in Erinnerung geblieben, den sie nachdrücklich als „Erbe“ fordert :o) Mittel-Ägypten und Kairo – daran kann sie sich erinnern. Dort waren wir nur zu zweit. Der Silvester auf dem Sinai … Sie erinnert sich vor allem an die Urlaube, die sie nur mit einem von uns beiden verbracht hat. Dann wird ihr auch der Urlaub in Erinnerung sein, den sie allein mit ihrem Vater auf Menorca verbrachte. Ob wir tatsächlich immer alle Energie verbraucht haben, um als Paar zurecht zu kommen? Ich habe immer die Pflicht und den Druck gespürt, BEIDEN ein tolles Urlaubserlebnis zu verschaffen. Und dann noch für mich zu sorgen. 

Der gemeinsame Urlaub in Barcelona ist ihr heftig in Erinnerung – sie hatte während ihres Praktikums alles so schön vorbereitet für meinen Besuch dort … und dann stand mir der Sinn eher nach Shoppen :o). Nein-nein … natürlich haben wir uns auch noch von dieser besonderen Stadt bezaubern lassen. Aber es war ein tolles emotionales Erlebnis für mich, dass sich jemand darüber Gedanken machte, was wohl interessant und lohnend für mich wäre, sich vorbereitet hatte auf meinen Besuch. Das vor allem war für mich die Quintessenz aus Barcelona. Noch intensiver wurde dann noch unsere gemeinsame Reise nach Detroit / Chicago / Toronto. In dieser Zeit waren wir echte Partner. Ob das auch wohl auch am „gemeinsamen Feind“ lag :o))? 

Nun also St. Petersburg.



Drehbücher - Entwürfe für vier Leben

31. Januar 2008

Ist wirklich alles in den ersten Momenten enthalten und entfaltet sich dann irgendwann, oder sind nicht durchaus unterschiedliche (gegenläufige) Potenziale angelegt, die dann evtl. durch Lebenssituation und Einfluß anderer Menschen aktiviert / nicht aktiviert werden? Von allen angelegten Mustern hat z.B. die Wende etwas aktiviert in mir und zum Lebensmuster werden lassen, was so unter DDR-Bedingungen kaum zum Tragen gekommen wäre.

Drehbuch_DDR (Stand 1978): Auslandsstudium, zukünftiger Mann hochanerkannter Fachmann (gern militärischer Bereich), ich Wissenschaftlerin, liebevolle Eltern von zwei-drei (wohlerzogenen) Kindern, Bibliothek (auf Russisch was es in der DDR nicht zu lesen gab), Freundeskreis inkl. UdSSR/RGW und DDR-weit aus Studien- und Arbeitskollegen, drei Brüder mit Familien, Vater “Großer Meister” und Netzwerker, Mutter beliebt im Umkreis und von Schülern geachtet, Jahrestreffen in Familie, Ausgehen, Freunde, Singen, Arbeiten. Gelegentlich finanzielle Sorgen. Jeden Sommer FKK-Urlaub an der Ostsee. Der Traum: Nachts hinausschwimmen und am Strand miteinander schlafen.

Drehbuch_1985: Heiraten ohne Heiratsantrag. Schwiegereltern sorgen für Sicherheits-Check und reibungslosen Ablauf. Nach Hochzeit deutliche Einschränkung auf “seine” Welt, anerkannter Fachspezialist (militärisch), zielgerichtete Dezimierung von Kontakten auf seine Arbeitskollegen, meine Kontakte werden genehmigungsbedürftig durch seine Eltern. 6-10 x im Jahr deckungsgleiche Geburtstagsfeiern in seiner Familie, Übernahme von abgelegten Möbeln und Lebensstil von Eltern, jedes Wochenende alle auf der Datsche - unmäßiges Trinken, Rauchen, Essen und die gleichen (Fäkalien)Witze, Schwiegermutter beaufsichtigt Beibehaltung klarer Rollenverteilung. Gelegentliche wilde Feiern der Kollegen ausrichten und erdulden. FKK wird von Schwiegereltern mißtrauisch beäugt und so mit der Zeit eingestellt. Hochschul-Professorin - intern als hochbezahlte Faulenzer tituliert. Liebevolle Eltern von drei wohlerzogenen Kindern. Ferien in Betriebsferienheimen, Reisen in “sozialistische Welt”, keine finanziellen Sorgen. Ich als Nebendarsteller in meinem eigenen Leben!
Falls die Kraft reicht: Scheidung. Kinder zum Vater & Großeltern, Mutter mit Schwierigkeiten - Kindesentzug. Gibt es ein “richtiges” Leben im “falschen”? Wo ist meine Herkunftsfamilie?

Die Wende - DIE Chance! Wir haben sie genutzt für neue Optionen :o)

Drehbuch_BRD (Stand von 2005): Mann anerkannter Fachspezialist / Förderer für Nachwuchs / beliebter Gesellschafter, ich Angestellte / nebenberuflich erfolgreiche Unternehmerin / Coach für Ehemann & Tochter / Backoffice für soziale Kontakte, gelegentlich schwierig & anstrengend. Haus am See unbewusst nach Feng-Shui mit großem Garten zum See (Rosen ranken bis aufs Dach, 20 Sorten Minze, Lindenblüten, Haselnüsse, Marmeladen, Webcam im Vogelkasten für Enkel). Morgens baden im See - Immer noch der Traum: Einmal nachts nackt unter Sternen hinausschwimmen. Kleine Stadtwohnung in Mitte, offenes Haus für Freude inkl. Übernachtung & Sauna & Wein & Kochen. Im Morgentau mit Freundin Rosi in langen weißen Kleidern Kräuter sammeln … die Männer schlafen :o)). Große, fröhliche Feste unterm Apfelbaum: Frauen & Kinder & Buffet, Männer & Sauna & Grill. Abends: Technik macht Spaziergang durch die Uffizien & Co. aus dem Wohnzimmer möglich. Urlaube in vielen Ländern & Kultur. Uralte und neue Freunde aus Ost und West. 04/2010: Einzug ins Haus am See, 50. Geburtstag, Silberhochzeit … irgendwann Lieblings-Großeltern.

Drehbuch_2008: Selbständige Beraterin (natürlich erfolgreich :o), Freunde & Netzwerke, in den wichtigen Dingen „ganz bei sich“, Förderer für Tochter & andere Youngster, aktive Schwester & Lieblingstante, von den Katzen als Personal akzeptiert, duldsame Tochter für die Eltern. Mir selbst ein aufmerksamer Freund. Ich hätte gern eine “Frauen”-Freundin.

Rechtzeitig vor einer “Silberhochzeit in Abwesenheit” ist endlich auch die Scheidung eingetaktet.

04/2010: Mein 50. Geburtstag, eine eigene kleine Wohnung in Berlin, kleine & große Feiern mit der ganzen Bagage :o)), vielleicht doch Professorin.  … irgendwann Lieblings-Oma. 

Ein Liebster? Auf Augenhöhe den Anderen neben sich geniessen, neugierig bleiben.
Endlich einmal nachts nackt baden und sich am Ufer lieben, bevor es womöglich zu spät ist :o)



U5 / Familiengeschichte(n) I

23. Januar 2008

U-Bahnlinie U5: Sie führt von Alexanderplatz in Richtung Tierpark. In mancherlei Hinsicht war sie die „alte U-Bahn“ unserer kleinen Familie. Im Juni 1983 haben wir uns im Cafe „Warschau“ an der Station „Weberwiese“ (damals „Samariterstraße“) zum Tanzen verabredet. Er lud mich noch auf eine Spaziergang und dann auf einen Tee an. Seine Familie wohnte am Leninplatz unweit der U-Bahnstation „Strausberger Platz“ und die Eltern verbrachten den Sommer auf der Datsche. Ich blieb über Nacht. Am nächsten Morgen suchte er nicht nur keine Nähe, er wich mir auch aus. Das verunsicherte mich sehr. Ich konnte ja damals nichts von seiner Angst wissen ich könnte bei einer Umarmung das Pistolenhalfter am Bund spüren. (Viel) später haben wir herzlich darüber gelacht. Im Rathaus Lichtenberg auf Höhe der U-Bahnstation „Frankfurter Allee“ haben wir im April 1985 geheiratet. Gleich nach der Verlobung im Januar hatte N´s Mutter einen Termin beim Amt besorgt. Ein Päarchen war gerade abgesprungen. Ich wurde geschickt das Aufgebot zu bestellen, denn ich hatte als Lehrerin nur einen “viel zu gut bezahlten Halbtags-Job” (ein beliebter Witz der Familie). N. dagegen leistete – wie alle ringsherum - Dienst an der Weltrevolution. Im selben Jahr zog ich von Halle zu N. nach Berlin. N.´s Vater hatte mir eine Anstellung an der Hochschule besorgt. Im Sommer nach der Hochzeit erhielten wir eine Wohnung an der Frankfurter Allee, unter der die U5 entlang führt. Unsere Station hieß „Magdalenenstraße“, unser Haus in der Coppistrasse war ein 20-Geschosser. Die Welt war noch nicht sehr groß damals, auch wenn es aus dem 10. Stock manchmal so aussah. Endlich schwanger! Ich kann mich noch an den Tag erinnern, an dem sie mir beim Frauenarzt um die Ecke eröffneten, dass mein Baby ein Mädchen werden würde. Ich habe tatsächlich geweint … den ganzen langen Weg zur Hochschule, an der damals unterrichtete. Ich hatte mir so sehr einen Jungen gewünscht. Einmal wohl, weil man das in N´s Familie von mir erwartete. Ich hatte aber auch selbst Angst, mit „Prinzessinnen“ später nichts anfangen zu können. Den Umgang mit Jungs kannte ich ja – war ich doch mit drei Brüdern groß geworden. Regen- und tränennass kam ich zur Arbeit – von da an freute ich mich auf mein kleines Mädchen …  Während der Schwangerschaft habe ich den dicken Bauch, der Elefanten-Babys vermuten ließ, fröhlich und sehr stolz mehrmals in der Woche an der Frankfurter Allee entlang spazieren geführt. Auf der anderen Seite der Frankfurter Allee – im Oscar-Ziethen-Krankenhaus, wurde unser kleines Mädchen dann geboren. Sie sah im ersten Moment aus wie ihre Ur-Großoma :o). Sie hatte wunderschöne schwarze Haare, welche die Schwestern auf der Station ihr zu einem Hahnekamm bürsteten. Sie war die schönste weit und breit! Dabei hatte ich mir fest vorgenommen, keine von diesen Müttern „Mein Kind ist das tollste & schönste“ zu werden. Musste ich gar nicht – das war sie anerkannter maßen! Wenn die Babys morgens gewaschen und frisch eingepackt zu den Müttern gefahren wurden, lagen sie – seitlich aneinander gelegt – auf einem Rollwagen. Nahm die erste Mama ihr Kind vom Rollwagen, kippten die anderen Bündelchen wie Domino-Steinchen zur Seite und kamen auf dem Rücken zu liegen. Die Babys blieben den ganzen Tag bei den Müttern. Einmal handelte ich mir großes Schimpfen von den Schwestern ein: ich war eingeschlafen neben meinem Kind. Man hatte Angst, dem Kind könnte etwas passieren. Sie waren ja auch so zerbrechlich diese kleinen Wesen.   Wie vorsichtig wir gemeinsam Alex, eingehüllt in ein Kopfkissen-Schiffchen, nach der Entbindung aus dem Krankenhaus nach Hause brachten und stolz den Nachbarn zeigten. Auf mich warteten in der goldenen-dickbauchigen indischen Vase lachsfarbene Rosen.  Die erste kleine Wohnung hatte zwei Zimmer, einen langen Gang und eine Küche, die man mit einer Anbauwand (samt Durchreiche) vom Wohnzimmer abgetrennt hatte. Eine Wand im Flur und die im Bad hatte ich dunkelbraun gestrichen - Brrr. In der Nische im Flur richtete ich mir für die Zeit der Promotion meine Arbeitsecke ein. So konnte Alex mich immer sehen, wenn sie in ihrem Ställchen im Wohnzimmer spielte. Sie lernte sehr früh sich selbst zu beschäftigen, brauchte nur meine Nähe und ab und zu Zuwendung. Alex hatte auch später keine Angst, wenn wir sie abends für einen Spaziergang oder ein Glas Wein in der Wohnung allein ließen. Das erklärte sie einmal Evi, die nach ihr schauen sollte, und schickte sie beruhigt wieder in ihre eigene Wohnung. Wir dagegen mussten erst lernen uns ohne sie von zuhause weg zu wagen. Auf dem Rückweg von unseren „Trainingsauflügen“ liefen wir fast … Mit dem Babyjahr begann auch meine Promotionszeit. Morgens gab ich Alex ab dem fünften Monat in der Krippe ab und fuhr ab „Frankfurter Tor“ in die Stadtmitte zur Humboldt-Universität oder in die Staatsbibliothek. Manchmal setzte N. sich im Flur auf den Boden und fragte mich nach den Ergebnissen meiner wissenschaftlichen Bemühungen. Um ihm diese verständlich machen zu können, musste ich selbst klarer denken lernen. Auch dafür habe ich ihn geliebt.So manches Mal war ich überfordert, wenn Alex sich wieder erkältet hatte und krank wurde. Ich weiß noch, wie mir Alex einmal aus dem Wagen auf die Straße kippte, in dem ich außerdem einen großen Wäschepacken aus der Reinigung transportierte, mit dem ich nicht über die Bordsteinkante kam. Ich hatte leider auch kaum Hilfe, denn N´s Eltern hatten streng dafür gesorgt, dass wir nur ausgesuchte Kontakte hatten. Und darauf, dass ich „kein Theater machte“, keine Parteiversammlung versäumte. Auf meiner Seite gab es nur „Mama Ljusja“. Die kam einfach, wenn ich nicht mehr weiter wusste. Sie war selbst Wissenschaftlerin und hatte vier Mädchen. Da ihr Mann Abteilungsleiter im ZK war, kamen die Zweifel von N´s Eltern an sie nicht heran. In dieser Wohnung sind de Bilder entstanden, die Alex als Baby mit N. und mit mir zeigen. Zu ihrem vierzehnten Geburtstag hatten wir vier dieser Bilder zu einem großen zusammenstellen lassen und ihr geschenkt. Es hängt heute in ihrer Studentenbude. Besonders N. sieht wunderbar warmherzig aus, wie er sie in seinen Armen hält. Papa und Tochter sind beide ein schönes Paar!



Lieder: Löwin und Lamm (Rainhard Fendrich)

22. Januar 2008

Sie besticht mit ihren Tränen
Und sie lächelt wenn sie lügt
Denn sie weiß
Daß nur ein Blick von ihr genügt
Ihre Wahrheit läßt sich dehnen
Wenn man wirklich danach sucht
Ich hab oft verziehn und öfter sie verflucht

Sie vergeht in ihren Nächten
Wenn sie Augenblicke liebt
Sie bricht alle Dämme wenn sie sich ergibt
Irgendwie
Ist keine wie sie
Löwin und Lamm
Zornig und zahmSie dreht mit dem Wind
Frech wie ein Kind
Sie macht es mir schwer
Doch ich weiß nicht was wär
Wenn ich sie verlier

Sie will jede Menge Leben
An ein Morgen denkt sie nicht
Wenn sie hemmungslos Gesetze einfach bricht
Sie kann Trost und Heimat geben
Und ist manchmal völlig fremd
Sie ist die
Die mich beflügelt und mich hemmt
Wenn sie will ist sie der Sommer
Und wenn nicht das blanke Eis
Ihre Liebe gibt es nur ohne Beweis
Doch irgendwie
Ist keine wie sie
Löwin und Lamm
Zornig und zahm
Sie dreht mit dem Wind
Frech wie ein Kind
Sie macht es mir schwer
So sehr mein Verstand sich auch wehrt
Sie gehört zur mir

Sie vergeht in ihren Nächten
Wenn sie Augenblicke liebt
Sie bricht alle Dämme wenn sie sich ergibt
Irgendwie
Ist keine wie sie
Löwin und Lamm
Zornig und zahm
Sie dreht mit dem Wind
Frech wie ein Kind
Sie macht es mir schwer
Doch ich weiß nicht was wär
Wenn ich sie verlier    

Rainhard Fendrich  Ich kann mich noch an diesen Tag erinnern - Es war ein Samstag, wir drei saßen im Auto und waren auf dem Weg nach Nürnberg um uns die Stadt anzusehen. Alex war noch klein, in meinen Erinnerungen keine 10 Jahre alt. Wir waren früh morgens gestartet und der Nebel erhob sich erst aus den Wiesen. Wir hörten unsere Familien-Lieblings- Musikkassetten: Rainhard Fendrich, Reinhard Mey und Stefanie Werger. Manchmal sangen wir alle gemeinsam fröhlich mit. Bei anderen Liedern hing jeder seinen eigenen Gedanken nach - wie bei diesem Lied. Plötzlich verblüffte sie N. und mich mit der Feststellung, dass dies wie über Mama gesungen sei. Ich denke oft daran.