Artikel veröffentlicht am 21. Januar 2009 von Tanja
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Münchner Jahre: Start in Gröbenzell

21. Januar 2009

München. Es ist noch Zeit für „meine“ einschlägigen Schuhe-, Tücher- und Taschengeschäfte. Für den Abend steht ein Vortrag an. Morgens im Berliner Büro noch schnell den Koffer von einer Dienstreise zur anderen umpacken; Auf der Fahrt ein paar „to do“s zügig abarbeiten. Dann in München die routinierte Kurztour – diesmal sind es ein pinkfarbenes Paar Pumps und schwarze wildlederne Halbstiefelchen … Nach drei Kaffee im Zug und diesem „Jagderfolg“ hat sich meine Stimmung im Vergleich zur Weltschmerz-Attacke am Morgen deutlich aufgehellt. 

Mit der S4 geht es nach Olching. S4 – „meine S-Bahnlinie“. Mit dieser Bahn bin ich zwei Jahre lang nach Gröbenzell gefahren: Es war mein erster Job „im Westen“; nach der Einheit. Die Arbeitszeit begann schon um 06:00 Uhr. Der Chef war Frühaufsteher und mir war es auch recht, denn so konnte ich Alex (meist noch) rechtzeitig bis 16:00 Uhr aus dem Kindergarten abholen. Das bedeutet fast drei Stunden Fahrtzeit am Tag.Wie aufregend das war damals! N. hatte ein kleines Auto gemietet und war mit mir in den Westen von München gefahren. Während des Vorstellungsgesprächs – zunächst mit dem Assistenten – wartete N. voller Anspannung vor dem Gebäude im Industriegebiet. Um die achtzig Bewerbungen hatte ich geschrieben. Meist wurde ich als überqualifiziert abgelehnt. Dann diese Chance – quasi auf Vermittlung eines potenziellen Arbeitgebers, der mich selbst dann doch nicht einstellen konnte. Das Bewerbungsgespräch mit dem Chef selbst, in seiner Villa am Starnberger See – das ist eine ganz eigene Geschichte. 

Hier habe ich gelernt, Mails zu schreiben und mit Textverarbeitung umzugehen, zu telefonieren. PowerPoint-Präsentationen kamen wohl erst später dazu. „Frau Doktor zum Diktat bitte …“. Das war eine komische Erfahrung. Aber ich habe viel gelernt, gute Arbeitsbedingungen gehabt, etwas über den Umgang mit Kunden und über Marketing gelernt; und Kontakte geknüpft. Aus diesen Kontakten heraus hatte sich das Bewerbungsgespräch meines Vaters in Karlsruhe ergeben. Auch meinem nächsten Arbeitgeber konnte ich mich zufällig einmal bereits „in action“ präsentieren, ohne dass es beiden Seiten damals bewusst war: Als der bestellte Dolmetscher für einen juristischen Fachvortrag des monatlichen Stammtisches nicht erschien, wurde ich genötigt einzuspringen … in meiner Not improvisierte ich und veranstaltete mit dem versammelten Publikum ein fröhliches Rätselraten um juristische Fachbegriffe. Naja, wer kennt schon solche Begriffe wie Insolvenzrecht! In Russisch! Später erzählte mein Arbeitgeber mir, dass meine Spontanität und mein Charme ihn – über die offensichtliche Unkenntnis dessen hinweg, was ich da zu dolmetschen gehabt hätte – so nachhaltig beeindruckt hätten, dass er meine spätere Initiativbewerbung nicht wie die anderen einfach beiseite gelegt hatte.  

Einmal - beim Empfang des ukrainischen Ministerpräsidenten durch seinen bayerischen Amtskollegen - hätte es beinahe einen Eklat gegeben, als ich die Fragen meines Arbeitgebers ins Russische übersetzte. Ins Russische, nicht ins Ukrainische! Der ukrainische Ministerpräsident selbst jedenfalls lachte herzlich über die Irritationen des Protokolls … er beherrschte doch selbst kaum die neuerdings verbindliche Landessprache, stammte er doch aus dem russisch dominierten Teil der Ukraine. 

Damals, an einem Nachmittag und kurz vor Verlassen des Gebäudes, nahm mit einem Anruf meine Nebentätigkeit im Bereich Übersetzen ihren Anfang … es ging um einen Produktkatalogs von Telefonen, der sprachlich für den russischen Markt aufzubereiten war. Später waren es dann Banknotenbearbeitungsmaschinen (Mehrfarbenstahltiefdruck!! :o)). Dann die technische Fachdokumentation für den russischen Abfangjäger. Am Ende der Münchner Jahre kam noch die sprachliche Betreuung einer Studie zu einem Militärtransporter hinzu. Es gab ihn schon im Osten – die untersuchten Möglichkeiten zur Zusammenarbeit hätten diesem Gerät den europäischen Markt und den deutschen Partner eine führende Rolle in der europäischen / internationalen Luftfahrt eröffnet. Es war wohl von Beginn an klar, dass ein solches Projekt schon aus politischen und wirtschaftspolitischen Gründen nicht würde stattfinden dürfen. Meinem kleinen Büro hat dieser Auftrag zur sprachlichen Betreuung der Studie noch kurz vor der Abreise aus München eine Betriebsprüfung beschert. Auch so eine Erfahrung! Heute früh schreiben die Zeitungen, dass sich das (west)europäische Projekt um weitere Jahre verzögern wird. Der Sprachendienst von damals ist längst aufgegangen in einer GmbH mit Sitz im Herzen von Berlin – sie kann im dritten Jahr ihres Bestehens einem Umsatz von 600.000 € aufweisen und hat dreieinhalb Arbeitsplätze geschaffen.  

Es war eine wichtige, eine gute Zeit. Wir haben unsere Chance gehabt! Chancen zum beruflichen Neuanfang. Chancen in jeder Hinsicht: Einmal dem Einfluss der Schwiegereltern entkommen, hatten wir nach der Einheit mit dem Umzug nach München auch als Paar und als Familie eine schöne Zeit. Wir haben unsere Chancen genutzt! Daran denke ich immer wieder gern. Voller Dankbarkeit! 

Nach dem abendlichen Vortrag bitte ich den Veranstalter noch kurz an meiner ehemaligen Firma vorbei zu fahren. Ich erkenne das Gebäude wieder. Da oben – das Fenster ganz links im Obergeschoß, über dem Lagerraum der Firma Seyfried … Da, da war mein Arbeitsplatz. Im Gebäude gegenüber, wo sich früher die Labors befanden, hat heute lustigerweise die Trainings- und Beratungsfirma des Veranstalters ihren Sitz. Kein Schild erinnert mehr an meinen damaligen Arbeitgeber.     

Es ist spät geworden. Die Taschen mit den Einkäufen und dem Danke-Präsent für den Vortrag sind schnell verstaut. Abschminken. Laptop und Handy gehen ans Netz. Der Wecker ist auf 06:30 gestellt. Morgen geht es gleich früh ins Büro. Ab in den Schlafanzug. Bei meiner aufziehenden Erkältung lieber zwei Decken, bitte. Ja! Das Frühstück bitte morgen gern ans Bett!  

Ich lösche das Licht und ziehe die Gardinen auf … der CityNightLiner trägt mich durch das nächtliche Land in Richtung Norden; in den Nordosten :o).

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