Artikel veröffentlicht am 8. Januar 2009 von Tanja
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Wintereinbruch - “mein Tellerchen, mein Becherchen …”

8. Januar 2009

Draußen zieht der verschneite Thüringer Wald an mir vorbei. Ganze fünf Wochen haben wir uns diesmal nicht gesehen. Du warst „in Familie“; Ich war in New York. Schön, dass mich Dein Ring begleitet hat.


In den letzten Tagen war es für uns beide kaum noch auszuhalten.
Du hast mich sogar von zuhause aus angerufen, sobald Deine Frau einmal das Haus verließ. Es war so schön endlich wieder wenigstens Deine Stimme zu hören. Du hast dann aber auch verstanden, dass ich mich mit diesen Telefonaten nicht wohl gefühlt habe. Sie haben etwas Hinterhältiges. Hat es jetzt etwa weniger Hinterhältiges, daß wir schon wieder durch ganz Deutschland reisen, um uns zu sehen. Wieder nutzen wir, dass Du oft dienstlich unterwegs bist – sein kannst.  Diesmal also wieder München. Wieder irgendwo in der Idylle am Rand der Stadt. Wir haben getrennte Zimmer gebucht. Der Gasthof ist zu klein, Du dort zu bekannt (Du warst schon mit Deiner Frau hier), Deine Kollegen dabei … Du willst mir die Ausgaben für die Übernachtung überweisen. So würde ich nicht dafür aufkommen müssen und zwischen uns würde trotzdem kein Bargeld fließen.  


Der Weg nach München ist lang für mich. Zwölf-vierzehn Stunden Fahrzeit. Für eine, für zwei Nächte. Ich bin so angespannt und fühle mich so zerschlagen, dass ich die vielen Stunden im Zug nicht nutzen kann, um noch Kurzgutachten zu erarbeiten. Liebt man weniger, wenn sich eine solche “Rechnung” auftut? Mischuk, ich bin so müde gesehnt!! Nach Dir, nach Wärme und Zärtlichkeit, nach Innehalten! Morgens rufst Du mich noch aus dem Flieger an – auch Du hast Riesen-Sehnsucht. Da breche ich zuhause gerade erst auf ins Büro.
 Der Zug hat Verspätung – es sind die kältesten Nächte seit mehr als zwanzig Jahren, sagen sie in den Medien. Mir kommen die Erinnerungen an meinen ersten Winter in Russland. Silvester bei minus 52 Grad. Und Frost vom Oktober bis in den März. Eine Stadt ganz in Schnee und Eis, Heizungsausfälle in der Universität und im Internat. Die Fenster mit Decken vernagelt über Monate, kaum ordentliche Nahrung. Und wunderschöner glitzernder Schnee! Raufreif auf den Wimpern. Die Entgegenkommenden rieben uns die Nasen, damit sie nicht erfroren. Naja, besonders die Jungs, natürlich … 

Immer wieder bin ich erstaunt über diese Vitalität, diese scheinbar In-sich-Ruhen, dieses Etabliert-sein, was ich dieser Region hier im Süden, den Menschen hier unterstelle. Diese Wirtschaftskraft! Diese Sicherheit. Natürlich weiss ich darum, dass dieses Bild nicht jedem Blick hinter die Kulissen standhält. Aber immer wieder fasziniert es mich, wenn ich hier bin.Mir ging es ja selbst so in unseren Münchner Jahren. Auch ohne finanziellen Rückhalt aus voran gegangenen Generationen.  Es ist schon dunkel, als ich im Gasthof ankommen. Mir ist kalt und ich bin müde – wohl auch müde vom Müde-sein. Mischuk, wo bist Du? Ich habe keine Lust und Kraft mehr, zu Abend zu essen oder in die Sauna zu gehen. Ich mag mich gerade noch in der Wanne aufwärmen.Dein Anruf, dass Du gerade die Firma verlässt und Dich auf den Weg ins Hotel machst, kommt gegen 19:00 Uhr. Ihr müsst jetzt noch ein-checken, Eure Zimmer beziehen. Ich bin etwas traurig. Nun würde es ja noch einmal eine Weile dauern bis wir uns sehen, denn auch das Abendbrot steht ja noch an. Dann muss ich lachen: Natürlich bringst Du vor dem Abendessen mit den KolleMir wird immer kälter. Ich versuche mich mit Fernsehen von dieser Angst abzulenken, die in mir hochsteigt. Du rufst an – ich reise Dir durch das ganze Land nach für eine Nacht. Ich lege meine Dienstpläne nach Deinen Dienstreisen, investiere ganze Arbeitstage in lange Zugfahrten, damit wir uns sehen können. Ich warte in Hotelzimmer (ich hasse Hotelzimmer!!) darauf, dass Du Dich irgendwann davon stehlen kannst aus den Männerrunden bei Gesottenem & Gebratenem und Bier. Immer ist irgend etwas – mal braucht die Bedienung so lange, mal sind die Bespräche so spannend, mal das Essen so viel. Meist hast Du Angst, dass man an Deinen „geänderten Verhaltensmuster“ etwas merken könnte … Du bist schließlich verheiratet!    

Nein! So will ich das nicht. Nicht mehr in diesem Jahr! Ich will mich nicht wie ein Callgirl fühlen und darauf warten, wann ich in Deine Termine hinein passe. Ich kann mich doch nicht mit gemütlichen Männerrunden messen wollen!! Ich schäme mich plötzlich für mein Warten, für mein Herkommen, für meine Sehnsucht … ich schäme mich dafür, dass ich es für Mut halte, solche Treffen möglich zu machen. Treffen, die „am Rande“ stattfinden. Liebe, die nach Verbotenem riecht und schal schmeckt in diesen Momenten des Wartens. Wo ist der Unterschied zum Callgirl? Ich reise hier mit kleinem Gepäck an. Nicht mal ein Nachthemd brauchen wir. Du erinnerst mich auch noch vorsorglich an die Kerzen; und an andere Dinge. Ist Deine Zärtlichkeit nicht doch auch so eine Art Währung, mit der ich belohnt werde für mein Kommen und Warten? Bezahlt werde? Hilfe! Ich will hier weg!! Ich bin nicht das, was ich sein möchte. Heute Abend kann ich nicht mehr abreisen. Außerdem würde ich Dich wahrscheinlich aus allen Wolken stürzen. Ich werde morgen früh fahren, nachdem ich Dir das erklärt habe. Gegen 21:30 kommst Du. Du hast extra einen „nordischen Pullover“ über das Hemd gezogen, weil ich das mag. Natürlich fällst Du aus allen Wolken, als ich nur noch weinen kann. Ich will Dir keine „Szene“ machen – und dann ist es wohl doch eine. Zum Schluss weinen wir beide – aus Angst, wir könnten es nicht schaffen? Ich will nicht in diese Ecke, dass ich Dir Deine Auszeiten dominiere, Deine Planungen präge, Dir Deinen Männerrunden (oder welche auch immer) mies mache. Ich weiß doch selbst wie wichtig (wie endend) es ist, Netzwerke zu haben, Auszeiten haben und sie nach Lust und Laune gestalten zu können. Ich will nicht in die Ecke eines „zeternden Weibes“. 

Du willst „gutmachen“, willst „wiedergutmachen“. Das ist es nicht, Mischuk.Ich kann ja nicht einmal loslassen, mich nicht einlassen auf uns, weil ich immer wieder diese bodenlose Angst habe, mit irgendwelchen momentanen Belanglosigkeiten konkurrieren zu müssen, die gerade mal eben – oh Schreck – alles wieder neu ordnen. Ich möchte ein „nicht-verhandelbarer“ Teil sein im Leben meines Liebsten. Ich möchte „mein Tellerchen, mein Löffelchen, mein Becher“ haben bei ihm. Ich möchte etwas Kostbares sein. Nicht nur, wenn sich gerade mal eine Lücke dafür auftut – oder gerade mal nichts anderes dazwischen kommt. Ich investiere meinerseits zuviel dafür. Ich riskiere zuviel dafür, um mich in eine solche Lage bringen zu lassen – nicht von Dir und nicht von mir selbst. Ich will, dass Liebe stolz ist und Räume schafft, als sich in Kellerlöchern zu verstecken.  Ganz tief dahinter steckt wohl auch die Angst, meine Liebe (schon wieder) an jemanden zu verschenken, der es nicht schafft, ihr einen gebührenden Platz in seinem Leben zu geben, sie fürsorglich zu behandeln und sich für sie stark zu machen. Mit dieser Liebe über sich hinaus zu wachsen. Ich kann das. Wenigstens dies habe ich gelernt zu sehen. Ich will meine Liebe, meine Lebenszeit nicht an einen „kleinen“ Mann vergeuden!  Nicht mehr!!! Nie mehr.

Es “gibt kein richtiges Leben im Falschen” - war das Adorno?
Naja, nicht gleich melodramatisch werden, Tanja!

Es ist gut, dass wir uns nicht verletzen, nach Erklärungen und Lösungen suchen. Aber noch habe ich das Gefühl, dass es vor allem MEINE Kraft ist, die einen Weg aus solchen Situationen findet. Was wird, wenn meine dafür einmal nicht reicht? Du versuchst alles so zu machen, wie ich es mir in unseren Telefonaten wünsche. Willst mir das Gefühl wieder geben, dass Du mich liebst. Und ich? Ich will nicht ständig sehen, was passiert, wenn Du die Vorstellungen und Erwartungen fremder Menschen erfüllst!! Ich will nicht aus den Spuren Deiner Handlungen heraus lesen müssen, was Du denkst und wie Du Dich fühlst. Ich will keine „Leben aus zweiter Hand“ - Ich will DICH kennen lernen. Nur dann haben wir eine Chance, Mischuk. Nur dann hat unsere Liebe eine Chance authentisch zu sein. Und darunter sollten wir es nicht mehr wollen im Leben! 

Ich reise nicht ab. Du gehst mir so nah. Unsere Situation ist schwierig.
Aber ich werde wachsam bleiben müssen. 

Ich liebe Dich.

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